
Bela Bartok (1881 - 1945)
Manche behaupten, dass Bartoks sechs Streichquartette für das 20. Jahrhundert die gleiche Bedeutung haben, wie die Quartette Beethovens für das 19. Angesichts der Vielzahl innovativer und kreativer Komponisten ist dies sicherlich diskussionswürdig, zweifellos aber gebührt Bartoks Werken eine führende Stellung in diesem Genre.
Es ist oft darauf hingewiesen worden, dass Bartoks musikethnologische Foschungen der Volksmusik seiner ungarischen Heimat, der angrenzenden Region sowie orientalischer Länder, sich in seinen Kompositionen niedergeschlagen haben. Für ihn, so schrieb er selbst, eröffnete die nähere Kenntnis dieser 'Bauernmusik' die Möglichkeit "einer vollständigen Emanzipation von der Alleinherrschaft des bisherigen Dur-und Moll-Systems." In dieser Musik erkannte er alte Kirchentonarten, die "in altgriechischen und gewiß primitiven Tonarten gehalten" seien. Diese Modell würden in der Kunstmusik nicht mehr gebraucht, hätten aber "ihre Lebensfähogkeit nicht verloren." Letztendlich führte dies "zur vollkommenen freien Verfügung über jeden einzelnen Ton unseres chromatischen Zwölftonsystems."
Darüber hinaus haben Beethovens Spätwerke - op. 130 - 135, großen Einfluß auf ihn ausgeübt. Die beschäftigung mit der Struktur dieser Werke, ihre motovischen Bezüge und ihre innere geistige Kraft, waren Inspirationsquelle ersten Ranges für den jungen Ungarn.
Der Beginn von Bartoks erstem Quartett läßt diese Verwandtschaft deutlich erkennen: Auch Beethovens op. 131 (1826 entstanden) in cis-Moll beginnt mit einem langsamen Satz (beide molto espressivo) und beide Male ist der Satz als Fuge konzipiert. Schwinger* hat darauf hingewiesen, dass Beethoven aauch in der Melodiebildung als Vorbild für Bartok gelten kann.
Einem unvoreingenommenen Hörer dürfte sich dieser Zusammenhang allerdings nicht auf Anhieb eröffnen. Der Weg in die musikalische Neuzeit ist auch für diesen jungen Komponisten der einzig gangbare. Dem Dur-Moll-System wird abgeschworen, Dissonanzen sind kein Teufelszeug mehr, polyphone Strukturen der einzelnen Stimmen lockern das harmonische Gefüge auf, folgen ihren eigenen linearen Gesetzen.
Das 1908/09 entstandene erste Streichquartett besteht aus drei langen Sätzen (Lento - Allegretto - Allegro vivace) und einem kurzen Zwischenspiel, das vor dem dritten Satz erklingt.
Seine Uraufführung hatte es am 19. 3. 1910 im Konzertsaal des Royal in Budapest, Ausführende waren die Mitglieder des Waldbauer-Quartetts. Neben der erwähnten Beethoven-Affinität hat Bartok hier bereits Volksliedzitate eingebunden und mit verarbeitet, jedoch nicht in dem Sinn, dass er lediglich die Melodien vorführt, sondern sich mehr der Tonart einer Volksmelodie widmet. Bartoks Freund, Zoltan Kodaly, bemerkt, dass dieses Werk "eine Art Rückkehr ins Leben vom Rande des Nichts" dramatisiere.
Satz für Satz erfährt dieses insgesamt spätromantische Quartett eine Temposteigerung, die mit dem Vorantreiben des dramatischen Gestus einhergeht. Unabhängig von Schönbergs in gleicher Zeit entstandenen ersten beiden Streichquartetten op. 7 und 10, hat Bartok hier ebenfalls den Schritt in die 'Neue Musik' getan, deren vornehmliches Ziel die Überwindung der Tonalität war.
Ein Begriff, der für Bartoks Musik oft gebraucht wird, kann auch für diese frühe Werk in Anspruch genommen werden: Der Begriff der Strenge.
Streichquartett Nr. 5 (1934, im Auftrag der amerikanischen Mäzenin E. Sprague-Coolidge)
Erster Satz - Allegro: Ein wuchtiger Satz, voller dramatischer Einfälle und Bewegungen, sowie abgehackter Rhythmen. Beherrschend ist der aggressive Einsatz aller Instrumente. Vitalität heißt die Bestimmung, lediglich ein kurzer Abschnitt bringt etwas Beruhigung.
Zweiter Satz - Adagio molto: Ein in sich ruhendes, fast fragmentarisch anmutendes, wie Improvisation erscheinendes, sehr zurückgenommenes, behutsames Stück.
Dritter Satz - Scherzo. Alla bulgarese (Vivace): Hier noch einmal deutliche Anklänge an Volksmusik, ein bulgarisches Tanzstück, aber mit welchem Einfallsreichtum dargeboten! Weniger dramatisch als der erste Satz, dennoch kraftvoll.
Vierter Satz - Andante: Wird als Variante des zweiten Satzes gedeutet, was den experimentellen Charakter betrifft, sicherlich eine plausible Darstellung. Lyrische Passagen treten nun deutlich hervor, umrahmt von seltsam flirrenden, sich quasi aufbäumenden Klängen, die von der Violine mit sich wiederholende (aufheulende?) Melodie übertönt werden.
Fünfter Satz - Finale. Allegro vivace: Kommt dem ersten Satz am nächsten. Mehr Verspielt und verrückt. Schnelle Teile, tuti gespielt, werden von skurillen Einfällen abgelöst. Schwerstarbeit für die Musiker. Dann, zum Ende hin, eine Leierkastenmelodie, die plötzlich einen halben Ton höher (nach B-dur) rutscht, während die Begleitung in A-dur verharrt. Es klingt wie falsch gestimmt, bricht dann ab und fährt mit dem Finale fort. Ein Ulk, der, wie durchaus stimmig bemerkt worde ist, surrealistische Züge trägt. Oder ist dem Meister der Tokaya zu Kopf gestiegen...?
Die Hörprobe aus dem fünften Satz bartok.MP3 gibt diese Stelle wieder, gespielt vom
Takacs Quartett (1984).
Kennzeichnend für diesen Geniestreich sind Wildheit, Aggressivität, parodistische Elemente, bravouröse Handhabung der Polytonalität, vertrackte Rhythmen und das Erkennen eines unabdingbaren Selbstbewußtseins.
Bartok hatte nun seinen Stil gefunden, das Experimentieren und Ausprobieren war Teil seines handwerklichen Könnens geworden, über das er souverän bestimmte. Die Beherrschung des 'Neuen' gelang ihm, wie bei diesem Stück deutlich hörbar, spielend leicht. Dafür spricht auch, dass er lediglich einen Monat zur KOmposition benötigte. Schwinger gibt diesem Werk die Note der'absoluten Reife', was auch beim Studium der Partitur erkennbar sein soll, Stichwort: Bogenform - alle Satzteile sind auf unterschiedliche Art wie durch einen Bogen mehr oder weniger lose verbunden.
Sein letztes Streichquartett, das Sechste, schuf Bartok 1939. Auch heute stellen diese Musikwerke höchste Ansprüche an den Hörer. Wer sich ihnen zuwendet wird mit 'klassischer' experimenteller Neuer Musik konfrontiert, diese Konfrontation lohnt sich, zeigt sie doch, wie aufregend, spannend diese Musik sein kann.
* Unbedingt empfehlenswert: Der Artikel von Wolfram Schwinger, Bela Bartoks Streichquartette in: Die Befreiung der Musik (1994), S. 140 - 187.
Ausführliche Informationen mit vielen Notenbeispielen bringt natürlich auch das dreibändige Werk von Friedhelm Krummacher, Geschichte des Streichquartetts (über Bartok in Bd. III, hauptsächlich die Seiten 83 - 122 der broschierten Ausgabe).