Claude Debussy (1862 - 1918)

Streichquartett g-moll op. 10
Claude Debussy war Anfang 20 als er das viersätzige Werk, das sein einziges in dieser Gattung bleiben sollte, komponierte. Es soll hier nur kurz skizziert werden, da es nicht direkt zu den Werken des 20. Jahrhundert gehört, es aber dennoch auf viele Komponisten wirkte, natürlich auch auf Ravel.

Die vier Sätze sind: 1. Satz - bewegt und sehr entschieden; 2. Satz -ziemlich lebhaft und sehr rhythmisch; 3. Satz - Andantino in dreiteiliger Liedform; 4. Satz - Allegro, sehr mäßig, dann bewegt und mit Leidenschaft.

Auch Debussy's Quartett wurde bei der Uraufführung am 29. Dezember 1893 in Paris vom Publikum abgelehnt. Die ungewöhnliche Rhythmik, das immer neue Umspielen eines gleichen Gedankens mit exotischen Klängen und die gleitenden Instrumentalfarben stießen auf das Unverständnis der Zuhörer. Schnell jedoch erkannte man die Qualität des Werkes und bis heute gehört es zu den viel gespielten Quartetten.
Paul Dukas: "Die Melodie bewegt sich, als schreite sie über einen luxuriösen, kunstvoll gemusterten Teppich von wundersamer Farbigkeit aus dem alle schreienden und unstimmigen Töne verbannt sind."

Bereits in diesem frühen Werk stellte Debussy die Klangfarbe in den Mittelpunkt seines Werkes. Während Ravel sich erkennbar auf Debussy bezieht, schuf dieser mit dem Opus 10 seinen eigenen Stil. Natürlich kannte er die Quartette von Edouard Lalo (op. 45, 1887) und vor allem César Franck's voluminöses Streichquartett (in dessen Todesjahr 1890 komponiert) und deren Loslösung von den klassischen Vorbildern. Ich würde Debussy's Quartett als eine große impressionistische Meditation bezeichnen, in denen expressionistische Tupfer und Striche vorkommen, die einer zukünftigen Kunstepoche entnommen scheinen. Ein aufnahmebereiter Hörer wird sich von den teils sphärischen Klängen mehr als verzaubern lassen.

Hörprobe  aus dem 4. Satz (Emerson String Quartet 1986)


Maurice Ravel (1875 - 1937)

Streichquartett F-Dur
Maurice Ravels einziges Streichquartett gehört zu jenen Werken der Musikgeschichte, das bei seiner Uraufführung - am 5. März 1904 in Paris mit dem Heymann-Quartett - heftigen Widerspruch hervorrief und zur Folge hatte, daß der Komponist ein Jahr später vom Wettbewerb um den Rom-Preis ausgeschlossen wurde, ein Schicksal allerdings, das ihm gleich mehrfach zuteil wurde. Einem heutigen Hörer dürften solche Aufgeregtheiten kaum nachvollziehbar, gar lächerlich erscheinen, zeigen aber deutlich, wie schwer sich die an klassischer Musik geschulten und gewöhnten Zeitgenossen vor rund hundert Jahren mit Neuerungen auf diesem Gebiet taten. Der 27jährige Ravel komponierte das Quartett 1902/03 und widmete es Gabriel Fauré, in dessen Komponistenklasse er war.

Im 1. Satz - Allegro moderato - verführt uns Ravel mit flimmernder, flirrender Musik, das kurze Hauptmotiv wird mehrfach wiederholt. Es gibt kurze Tempiwechsel, Melodien werden angerissen und wieder fallengelassen. Eine filigrane Musik, die von Zartheit und Feingefühl bestimmt wird.

Der 2. Satz - Assez vif Trés rythme - greift das Motiv des ersten Satzes in veränderter Form auf, er ist rhythmusbetonter, Teile werden im Piccicato gespielt, hier Debussy folgend oder ihm Reverenz erweisend. Der Satz enthält einen ruhigen zweiten Teil, eine kantilenenhafte Melodie erklingt, dazu eine Piccicato-Begleitung, mit der der dritte Teil beginnt, der eine variierte Form des ersten Teils ist. Gelegentlich tauchen scherzhafte Floskeln auf, eine Art von Ulk scheint dem Komponisten vorgeschwebt zu haben.

Der 3. Satz - Trés lent - nimmt den zweiten Teil des zweiten Satzes auf und bleibt insgesamt verhalten. Das Cello bricht nach der Hälfte aus dem scheinbar ziellosen Dahintreiben aus und begehrt mit dramatischem Tremolo auf, wird dann aber von den Violinen abgelöst, die sich zu emphatischem Schwung aufraffen, ohne jedoch die begonnene Dramatik fortzuführen. Der Eindruck des Fragmentarischen drängt sich auf. Die Stimmung des Augenblicks scheint eingefangen zu sein, ohne dem Hörer Erklärungen anzubieten. Fast drängt sich ein improvisatorischer Charakter auf.

Der 4. Satz - Vif et agité - beginnt kraftvoll und entschlossen, mit dramatischem Impetus. Danach erklingen die bekannten kurzen Motive, die aufbrechen und zurückfallen. Der energische Rhythmus bleibt und treibt die Musik vorwärts, läßt keine Entspannung zu, alles bleibt in Bewegung, das Flimmern und Flirren der ersten Satzes hier nun härter, hektischer. Ohne Vorankündigung endet dieser Satz.

Ravel, er schätzte Mozart, Schubert und Mendelssohn, stand den Modernen seiner Zeit - Strawinsky, Schönberg, Berg und Webern - aufgeschlossen gegenüber. Er war jedoch eigenständig genug, um sich den trendsetzenden Richtungen nicht anzuschließen. Gelegentlich verwendete er die verschiedenen Stilmittel seiner Zeit in seinen Werken, kopierte sie aber nicht, sondern integrierte sie in seine eigene Musiksprache und ließ somit etwas Neues entstehen.
Für Ravel's Musik sind das Unerwartete und Überraschende, Elemente von stilbildender Bedeutung, gelegentlich stößt sie in atonale Bereiche vor, bleibt aber meist dem schönen, harmonischen Klang verpflichtet. Daneben gibt es immer wieder Ausflüge ins Satirische und Kuriose. Ravel verarbeitete Folkloristisches, etwa baskischer, russischer, fernöstlicher oder afrikanischer Herkunft.

Er ist nicht als Revolutionär in die Musikgeschichte eingegangen, auch wenn so manche Uraufführung seiner Werke zum Skandal ausartete, wie es bei der Aufführung des Bolero (1928 durch die Tanzgruppe um Ida Rubinstein) geschah.
Der Komponist reagierte auf die Strömungen seiner Zeit und ein Biograf bezeichnet ihn als einen Genießer, dessen unersättliche Neugier von allem kosten möchte, alles versuchen möchte - Schönberg und Gershwin. Seine Musik, so kann man es auf einen kurzen Nenner bringen, sollte bezaubern und stets nur Musik bleiben. In gewisser Weise spiegelt seine Musik auch die Gesellschaftsschicht wieder, der er sich zugehörig fühlte, der Schicht des Adels und des wohlhabenden Bürgertums.

Als Maurice Ravel sein Streichquartett komponierte, lagen die großen ihn berühmt machenden Orchester- und Kammermusikwerke noch vor ihm. Das F-Dur Quartett wird heute wegen seiner Klarheit und Einfachheit der Strukturen bewundert. Es gehört zu den frühen Meisterwerken der Gattung, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.
Hörprobe Anfang des 2. Satzes  (Emerson String Quartet 1986)