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Essays:
- Musik hören in Teheran (2009/10)
- The Master of Disaster  -  Peter Hammill und seine Musik (2008)

- Ali und Nino, ein Roman von Kurban Said, alias ...? - und: märchenhafte Einschübe.Essad Bey und seine Bücher (2008)
- Licht und Spiralen - zum Tode von Karlheinz Stockhausen (2007)
- Ein als Lehrbuch getarnter utopischer Roman wiederentdeckt (2006)



MEILENSTEINE UND HEXENGEBRÄU
Aus Anlass des zwanzigsten Todestages von Miles Davis

In diesen Tagen häufen sich die Veröffentlichungen zum Werke Miles Davis, in denen das Wort "complete" im Titel erscheint. Nachdem schon 2009 Columbia ein voluminöses Paket mit 52 CD's herausbrachte, folgen nun auch andere Labels, mit denen Miles Davis vertraglich gebunden war. Jüngst erschien "The complete recordings 1945 - 1960" in einer Box mit 34 CD's plus einer CD-ROM mit allen Angaben zu den einzelnen Aufnahmen. Hier findet der Fan nicht nur die Aufnahmen, die Miles unter seinem eigenen Namen für Prestige einspielte, sondern auch jene, bei denen er im Bläsersatz die Begleittrompete im kurzlebigen Herbie Fields Orchestra für längst vergessene Sänger wie Rubber Legs Williams blies. Diese Aufnahmen sind auf drei CD's - "Early Miles" - versammelt und führen einen zurück in die Zeit, als der Jazz noch nach verqualmten Clubs und heiseren Stimmen klang. Allein die "Charlie Parker Years" umfassen bei dieser Box 7 CD's, angefüllt mit zum Teil mehreren Track pro Titel.

Wenn man den Weg des Ausnahmemusikers bis zu seinem Tod vor 20 Jahren verfolgt, ist man tatsächlich geneigt zu fragen: Steckt hinter dem ‚Early Miles' wirklich derselbe Musiker, der uns ein Vierteljahrhundert später ein Album wie "Bitches Brew" schenkte?

Als Miles Davis am 28. September 1991 starb, lag er bereits drei Wochen im Koma. Es heißt, dass er nach einer heftigen Auseinandersetzung mit einem Arzt einen schweren Schlaganfall erlitten hatte, der dann seinem Leben ein Ende setzte. Er war 65 Jahre alt geworden, davon hatte er mehr als 45 mit Musik verbracht. Geboren wurde er am 26. Mai 1926 in Alton, Illinois, einige Monate später zogen seine Eltern in das nahe gelegene East St. Louis, wo sein Vater eine Zahnarztpraxis eröffnete.

Zwei Jahre vor seinem Tod erschien seine Autobiographie, in der er mit großer Offenheit und einer gehörigen Portion Arroganz über sein Leben erzählte. Dieses Buch gehört zu den ganz großen Texten, die es in der Jazz-Biografik überhaupt gibt. Ausführlich schildert er nicht nur die mit frühester Kindheit und Jugend zusammenhängenden Lebensumstände in East St. Louis, sondern auch seine späteren Bekanntschaften mit den Größen des Jazz, vor allem mit den beiden Pionieren der damals neuen, wilden Be-bop-Szene: Dizzy Gillespie und Charlie Parker.

Als junger unbekannter Trompeter reiste er 1944 nach New York und suchte Anschluss an diese Szene. Im Jazzclub heat wave ("einem dreckigen, kleinen Club in 'ner dreckigen Gegend"), in Harlem an der 145sten Street, traf er nach einiger Zeit schließlich Charlie ‚Bird' Parker, das sechs Jahre ältere Genie auf dem Altsaxofon. Davis hatte sich an der renommierten Juilliard School eingeschrieben und obwohl ihm "der Scheiß, den sie dort erzählten" zu "weiß" war, hat er doch so einiges mitnehmen können, was ihm dann später bei seinen Arrangements behilflich war. Er gehörte damals zu den wenigen schwarzen Jazzmusikern, die sich mit Musiktheorie auskannten. Außerdem interessierte ihn auch klassische europäische Musik, Ravel, Bartok z. B. Davis war nicht ganz unerfahren aus East St. Louis nach New York gekommen, einige Zeit spielte er dort in Bands die üblichen Standards und wusste, wie man sich in einer Gruppe von Musikern zurecht fand. Aber in New York zählte das nicht viel, hier trafen sich die wirklich Großen des Jazz, hier entstand Neues, bisher Unerhörtes.

Er freundete sich mit Bird an und beide wohnten eine zeitlang zusammen. Davis bekam von seinem Vater etwas Unterstützung und konnte somit immerhin die Miete pünktlich zahlen. Sein Vater dachte allerdings, dass Miles ordentlich zur Uni ging und studierte. Er hatte seine wahren Absichten den inzwischen getrennt lebenden Eltern verheimlicht. Schnell bekam er mit, dass Parker schwer drogenabhängig war und die wenigen Einnahmen aus den nächtlichen Auftritten für neuen Stoff, Frauen und Alkohol ausgab. Als Dizzy Gillespie sich von Parker trennte, ersetzte der Altsaxofonist ihn durch Miles Davis, der einige Zeit vorher von Dizzy in die Band aufgenommen worden war. In der Zeit des gemeinsamen Wohnens hatte Davis von der Erfahrung des begnadeten Saxofonisten profitiert und einiges von ihm gelernt. In seiner Autobiografie schildert er aber auch, wie andere Musiker sich untereinander in musikalischen Fragen berieten und Miles auch von Dizzy wertvolle Tipps erhielt. An dessen knallhartes, klares und schnelles Trompetenspiel kam er allerdings nicht heran.

Die folgenden Jahre bildeten die Grundlage für den späteren Ruhm Miles Davis. Die ersten Platten erschienen, die Kritiker reagierten auf ihn, er reiste nach Paris, sein Name bekam unter Jazzfans jenen schillernden Klang, der dafür sorgt, dass jemand aus der Masse herausragt. Dazu trugen natürlich auch seine Eigenkompositionen bei, in denen er neue Wege ging, gemeinsam mit Musikern wie Gerry Mulligan, Max Roach oder Gil Evans. Der große Knall in der Jazzwelt ereignete sich 1955: das erste Miles Davis-Quintett. Die eingefleischten Jazzanhänger schnalzen noch heute mit der Zunge, wenn nur der Name dieser Gruppe erwähnt wird. Mitstreiter von Miles waren John Coltrane am Tenorsaxofon, Red Garland, Klavier, Paul Chambers am Bass und der junge Philly Joe Jones am Schlagzeug. Das Album "Round about Midnight" erschien, auf dem Miles mit dem Klang seiner gestopften Trompete brillierte.Nach einigen, durch die Drogenabhängigkeit der Musiker bedingten Umbesetzungen, erschien "Milestones", ein weiteres Album, das auch für steigende Einnahmen des Musikers sorgte. 1959 entstand das Kult-Album "Kind of Blue". Neben Coltrane und Chambers waren noch Bill Evans, Klavier, Cannonball Adderley, Altsaxofon und Jimmy Cobb am Schlagzeug dabei. Von diesem Album sollen bis heute mehr als sechs Millionen Stück verkauft worden sein - in der Jazzszene ein Novum. Der Begriff Cool-Jazz war fortan mit dem Namen Miles Davis verbunden.

Die Live Aufnahmen dieser Zeit, zeigen ein beinahe unerreichtes Gruppenspiel, in dem die Kompositionen bis zur Unkenntlichkeit verbogen werden. Es gibt eine Dimension, die nur selten im Jazz zu hören ist: eine unterschwellige Spannung zwischen den Musikern, die sich gegenseitig vorantreiben oder zurück nehmen. Erstaunlicherweise gelang es Miles Davis dieses hohe Niveau auch mit dem zweiten Quintett, das nach dem Ausstieg von John Coltrane entstand, weiter zu entwickeln. Manche bewerten diese Gruppe sogar noch höher als seinen Vorläufer. 1965 holte Miles Davis Wayne Shorter als Tenorsaxofonist in die Band. Neben Herbie Hancock, Piano, Ron Carter, Bass und Tony Williams, Schlagzeug spielte dieses Quintett einige der bemerkenswertesten Platten der Jazzgeschichte ein. Shorter erwies sich als wahrer Gewinn, denn er schuf mit seinen Kompositionen die Höhepunkte der Alben.

Leider war Miles Davis gegen den Drogenkonsum seiner Umgebung nicht standhaft gewesen. Wie so viele kämpfte er schon seit Ende der 40iger Jahre mit unterschiedlich heftigen Phasen der Sucht. Bis in seine letzten Lebensjahre hinein hinterließ sie bei ihm Spuren dieses Lebenswandels. Mitunter gelang es ihm, auch mit Hilfe einiger seiner Frauen, für einige Zeit davon loszukommen. Es ist erstaunlich, dass dennoch - zusätzlich noch von anderen Krankheiten gepeinigt - kaum Abstriche an seiner spielerischen und innovativen Kreativität zu bemerken ist, wenn man von den Alben der letzten Jahre einmal absieht.

Den Kritikern war Miles Davis eine angreifbare und von seiner Musikauffassung her eine kontroverse Persönlichkeit. Auch als er im Februar 1969 "In a silent way" herausbrachte, waren die Meinungen geteilt. Den einen war es für ein Jazz Album zu rockig und elektronisch, den anderen zu wenig rockig. Aber es dauerte nicht lange, bis man erkannte, dass Miles hier wieder - nach "Kind of Blue" - ein Meisterwerk geschaffen hatte. Das Stichwort war ‚Fusion' und es war nicht nur die Spielweise, die auf diesem Album zu hören ist, sondern auch die Art, wie es zusammen gemixt wurde. Der Produzent Teo Macero war hierbei praktisch ein weiterer Mitspieler. Gemeinsam mit Miles Davis schnitten sie aus den vorangegangenen Sessions quasi eine neue, eigenständige Aufnahme heraus. Auch bei dem Nachfolgewerk, dem Doppelalbum "Bitches Brew", wurde so verfahren, allerdings ist es härter und dunkler, als sein Vorgänger. Mit über einer Million verkaufter Platten, erlebte Miles Davis einen Verkaufsrekord, der ihm eine goldene Schallplatte einbrachte. Als die Platte im April 1970 erschien, schlug sie bei Fans und Kritikern wie eine Botschaft von anderen Planeten ein. Diese Klänge hatte man bisher im Jazz noch nicht gehört. Davis und Macero nutzten für ihren revolutionären Sound verschiedene Effekte, arbeiteten mit Loops, Delayern, Echos und Samples. Auch heute noch fasziniert diese Musik durch ihre innovative Eigenwilligkeit und durch das, was den Jazz in seiner Essenz ausmacht: Das Improvisieren.
Erstaunlich daran ist, dass es kein eingespieltes Quartett oder Quintett war, das hier so unerhört neues schuf. Neben Miles waren es insgesamt 17 Musiker, die an den Sessions teilnahmen.

Innovativ hieß bei Miles Davis, sich neuen Strömungen nicht zu verschließen, sondern sie mit seiner Vorstellung von zeitgenössischem Jazz in Einklang zu bringen, ohne sich als bloßer Plagiator zu gebären. Miles Davis ist deshalb einer der größten im Jazz geworden (und bis heute geblieben), weil es ihm tatsächlich gelang, avantgardistisch zu sein und zu bleiben. Er ließ sich nicht beirren. Er machte sein Ding.

Er war sicherlich ein nicht ganz leicht zu nehmender Charakter, was in seiner Autobiografie durch wahrscheinlich zutreffende Anekdoten immer wieder deutlich wird. Seine Erfahrungen mit dem niederträchtigen Umgang der Weißen in den USA an der schwarzen Bevölkerung, ziehen sich beständig durch die Erinnerungen und erklären Miles Davis Verhalten und manche abfällige Bemerkungen gegenüber dieser Klasse. Generell hielt sich aber der sensible Künstler nicht mit kritischen Äußerungen gegenüber jedem, der ihm nicht passte oder von dem er glaubte ungerecht behandelt zu werden, zurück.

Die Zeit der Individualisten im Jazz ist längst vorbei. Ein neuer Miles ist nirgendwo in Sicht. Seine - wenn man so will - Schüler wie Wayne Shorter, Herbie Hancock, Chic Corea, John McLaughlin u. a. haben für Jahre die Szene mit ihrem Stil geprägt, ohne wirklich etwas neues geschaffen zu haben. Sie alle zehrten von der Sonne, in dessen Nähe sie für einige Zeit mit Funken des Genies in Berührung kamen.



"Das Beste liegt, glaube ich, noch vor mir", lautet einer der letzten Sätze der Autobiographie. Nun ja, wer weiß schon, ob er nicht dort, wo er jetzt ist, mit einer neuen Supergroup, einem ‚Miles Davis Heavenly Quartet' zusammen spielt…
© Hans Wisotzki, September 2011




MUSIK HÖREN IN TEHERAN




Musikalisch gesehen ist Iran für viele (das dürfte auch für Iraner im Ausland gelten) ein großer weißer Fleck auf der weltweiten Landkarte der Melodien und Rhythmen. Bis auf wenige Ausnahmen kennt man hier zu Lande auch kaum Musiker aus dem zurzeit heiß umstrittenen Land zwischen Kaspischem Meer und Persischem Golf. Vielleicht sind manchem Freund der traditionellen Musikszene Irans die Sänger Mohammad Reza Shajarian, Shahram Nazeri oder der Komponist und virtuose Instrumentalist Hossein Alizadeh ein Begriff, da sie seit Jahren auch international in Erscheinung treten. Andere iranische Musiker, die zumeist in Los Angeles beheimatet sind, den musikalischen Mainstream pflegen und wohl überwiegend die im Ausland lebenden Iraner bedienen, dürften ebenfalls nur einem kleinen Kreis Interessierter bekannt sein. Und wer sich in der Avantgarde-Weltmusik auskennt wird bestimmt schon von der in New York lebenden extrovertierten Allroundkünstlerin Sussan Deyhim gehört haben, deren 2000 erschienene CD "Madman of God" von keinem geringerem als dem umtriebigen Musiker und Produzentenwirbelwind Bill Laswell remixt wurde. Unter dem Titel "Shy Angels" (2002) coverte er alle Songs des Originals und schickte Deyhims Stimme durch die Mangel digitaler Verfremdungseffekte und damit in den Äther eines sufischen Cyberspace.

Auf den harten Boden der teilweise musikfeindlichen Realität landet, wer sich das Musikgeschehen im Land der turbantragenden Religionsgelehrten ansieht, treffender gesagt, anhört. Radio und Fernsehen - beide fest in staatlicher Hand - spielen kaum westliche oder internationale Popmusik bzw. zeigen Videoclips und offiziell zu kaufen gibt es höchst selten derartige Musik, die - warum auch immer - dann doch den Segen der Aufsichtsbehörde bekommen hat. Elton John, Eric Clapton, Freddy Mercury (The Queen) und Chris de Burgh z. B. haben diese Gnade erfahren dürfen. Das Verhältnis der um die rechte Moral besorgten geistlichen Herrscher zur Musik, besonders zu allem was den großen Bereich der U-Musik betrifft, ist von ablehnender Strenge geprägt - was aber wiederum nicht heißt, dass im Iran Funkstille herrscht. Es hat sich eine durchaus beachtenswerte und lebendige Musik-Szene entwickelt, die aber was Auftritts- und Veröffentlichungsmöglichkeiten betrifft, unter Beschränkungen und Verboten leidet.

Hiervon sind besonders Frauen betroffen. Frauengesang ist (eigentlich) in der Öffentlichkeit nicht gestattet, es gibt jedoch Konzerte von Frauen für Frauen, da dürfen dann wiederum keine Männer anwesend sein. Aber das gilt nicht generell, denn hin und wieder finden auch Aufführungen vor gemischtem Publikum statt. Die aus Frauen und Männern bestehenden Gruppen Khonya, Dang-Show oder Sepehr-Ensemble z. B. unterhalten das Publikum auch mit weiblichen Gesangspartien. Erwähnenswert sind auch einige gemischte Chöre (z. B. Nouri-Chor, Tehran Chor* [erinnert an die einstmals berühmten Swingle Singers], Farahang Chor), deren Auftritte im festlichen Rahmen von den Iranern gerne besucht werden. Und natürlich darf auch Arian nicht fehlen, die wohl bekannteste gemischte Pop-Gruppe Irans, die vor einiger Zeit im Zusammenhang mit Chris De Burgh erwähnt wurde.www.tehranvocal.com/
Der Teheraner Vocalchoir, unter der Leitung von Milad Omranlou, hat einige Auftritte im In- und Ausland absolviert und überrascht mit seiner Vielseitigkeit. Als Beispiel der Beatles-Klassiker "Yesterday", bei einer Aufführung in der Teheraner Vahdat Halle im August 2009.

Weltmusik, Jazz, zeitgenössische Musikwerke, Opern, Ballette, Musicals, weltweite Folkloremusik, Experimentalmusik sind im Iran, was ihre Aufführung in den öffentlichen Medien angeht, tabu - von wenigen Ausnahmen abgesehen. Nun könnte man sagen, gut, wenn die Musik der westlichen Hemisphäre abgelehnt wird, dann bleibt man im orientalisch-islamisch geprägten Kulturraum. Doch auch die Musik der Nachbarländer, z. B. der Türkei, Pakistan oder der arabischen Länder, wird äußerst selten im Radio gespielt.
Den religiösen Herrschern geht es auch nicht um unterschiedliche Musikstile oder Musik der Länder und Völker, sondern um Musik "welche nach Ansicht des Brauchs als vergnügende [lahã], stimulierende Musik gewertet wird."** Diese Musik ist nach Ansicht des obersten Religionsgelehrten und gegenwärtigen Führers der Islamischen Republik Iran Ayatollah Khamene'i verboten, weil sie zur "Falschheit [batil]" führt. Was nun stimulierende Musik ist hat das Oberhaupt wie folgt definiert: "Die vergnügende [lahã] stimulierende Musik ist diejenige, die den Menschen von der Art her aus seinem natürlichen Zustand herausbringt, aufgrund dessen, was sie an Eigenschaften beinhaltet, die sich für Veranstaltungen der Vergnügung und des Ungehorsams eignen." Und generell zu Musik und Gesang befragt, erhält der Wissensdurstige folgende Antwort: "Gesang ist das Stimulierende der Stimme in einer Art die für Vergnügungsveranstaltungen geeignet ist, und dieser (Gesang) gehört zu den Ungehorsamkeiten und zu dem Verbotenen für Sänger und Zuhörer. Aber Musik ist das Spielen auf den Instrumenten dafür, so dass, falls diese (Musik) nach der üblichen Form in Vergnügungs- und Ungehorsamkeitsveranstaltungen erfolgt, diese dann verboten ist für ihren Musizierenden und auch (für ihren) Zuhörer. Falls diese (Musik) aber nicht von dieser Art ist, dann ist diese (Musik) an sich erlaubt und zulässig".

Wir erfahren aus diesen Fatwas, den für Gläubige verbindlichen Rechtsgutachten, auch, daß es im privaten Bereich eines religiös Erwachsenen seine Entscheidung bleibt, wann er welche Musik hört. Es bleibt ihm selbst überlassen, ob er sich dem Vergnügen oder Ungehorsam hingibt und damit gegen ein religiöses Verbot verstößt.
Das aber scheint für iranische Jugendliche anscheinend kein ausreichender Hinderungsgrund zu sein, denn in vielen Haushalten mit Satellitenschüsseln - mal mehr oder weniger streng verboten - gehört es zur beliebten Freizeitgestaltung, sich diesem geächteten Vergnügen hinzugeben und die diversen Musikkanäle westlicher oder orientalischer Prägung rauf und runter zu konsumieren. Ebenso sind Rock- und Popmusik, Rap und House für Irans junge Generation keine mit Sünde behafteten Ungehorsamkeiten, sondern eher Flucht aus dem tristen Alltag der 30igjährigen Islamischen Republik.

Es gibt aber durchaus eine überschaubare Anzahl einheimischer Pop-Musik-Künstler, deren Alben zwar zu kaufen sind (oder übers Internet verfügbar), deren Musik jedoch kaum im Radio zu hören ist. Zu moderner westlicher Unterhaltungsrhythmik sind (überwiegend) männliche Interpreten zu hören, von denen es nur wenigen gelingt, auch mit öffentlichen Konzerten auf sich aufmerksam zu machen. Ein gemischtes Publikum begeisterter Jugendlicher, die durch hektische Rhythmen zu Sünde und Ungehorsam motiviert werden könnten, stößt bei den religiösen Entscheidungsträgern - zumeist doch sehr betagten Ayatollahs - auf strikte Ablehnung. Hier wird wohl auch die Absage eines Konzerts Chris de Burghs für den November 2008 im Iran seine Begründung finden.
In den iranischen Radioprogrammen läuft traditionelle und folkloristische Musik (ein übrigens lohnender und vielseitiger Bereich, der noch seiner Entdeckung bei westlichen Musikethnologen harrt) aus eigener Produktion, gelegentlich unterbrochen von Instrumentalversionen verstaubter westlicher Evergreens und muzak-ähnlichem Gedudel, das man hier in einer Warteschleife am Telefon zu hören bekommt.
Radio Javan, das staatliche Jugendprogramm, besteht überwiegend aus Wortbeiträgen und auf jugendlich gemachten, jedoch recht albern wirkenden Zwischenmoderationen. Musikstücke werden wie Hintergrund-Trailer ein- und ausgeblendet, auch hier überwiegt der instrumentale Anteil, die meist dazu dienen, dem vielen Gerede eine akustische Ablenkung entgegen zu setzen. Es ist klar, dass nach den religiösen Vorgaben der obersten Führung, die jungen Leute Bildungsprogramme zu hören bekommen und nicht mit stimulierender Musik vom rechten Weg abgebracht werden sollen. Die Webseite von Radio Javan zeigt denn auch anschaulich den um braver Gelehrsamkeit bemühten Charakter des Programms. Das angebotene Musik-Archiv besteht aus einem inaktiven Link …

Relativ viel Musik bietet Radio Payam, ein Sender, der alle halbe Stunde Nachrichten bringt und für Teheraner Autofahrer Staumeldungen durchgibt. Gelegentliche kürzere Wortbeiträge und das im Iran gepflegte theatralische Vortragen von Gedichten oder einzelnen Versen, machen den Sender einigermaßen hörbar. Hier werden auch mal längere Musikstücke gespielt, oft allerdings ohne die Nennung der Interpreten. Interessant ist hierbei der nicht geringe Anteil an Musikstücken aus der verpönten Schahzeit, der in den letzten zehn Jahren stetig gestiegen ist. Es handelt sich um traditionelle persische Musik und um Lieder aus dem reichhaltigen Repertoire des einst berühmten Radioprogramms "Barnamey-ye Rangarang" (Buntes Programm), das viele Jahre lang, sowohl den berühmten als auch jungen Musikern und Sängern, ein Auftrittsforum bot. In der Khatami-Ära scheint hier einiges in Bewegung gekommen zu sein, denn auch auf dem Kassetten- bzw. CD-Markt sind Aufnahmen von Sängern zu bekommen, die in den ersten beiden Dekaden nach der Revolution noch als nicht erwünscht, weil sie - wahr oder nicht -, als Schah-Anhänger galten.

Im Programm von Radio Farhang (Radio Kultur) gibt es täglich von 0 bis 2 Uhr (Hörer in Deutschland müssen die Zeitverschiebung von zweieinhalb Stunden beachten) die Musiksendung "Shabestaneh", in der Hörerwünsche geäußert werden können. Hier wird ausschließlich traditionelle iranische Musik (gegenwärtige und ältere, d. h. aus der Zeit vor der Revolution) gespielt, eine durchaus empfehlenswerte Sendung für jemanden, der diese Musik mag oder ihr näher kommen möchte. Den Programmgestaltern gelingt es aus der Fülle der Anrufe (die offensichtlich nicht live sind) eine akzeptable Mischung dieser vielseitigen Musik zusammen zu stellen.

Diese Programme dürften bei Jugendlichen eher als uncool gelten, da sie die von ihnen bevorzugte Musik überhaupt nicht berücksichtigen. Hier wird auf das Internet oder einem florierenden schwarzen Markt zurück gegriffen. CD's mit MP3-Dateien, mitunter in dürftiger Qualität, werden zu raren und hochpreisigen Handelsobjekten, besonders, wenn es sich um ältere Musik der 60iger und 70iger Jahre handelt.
Die weltweit gängige Praxis, dass junge Menschen die Musik, die sie mögen, selber machen, ist im Iran schwierig, aber nicht unmöglich. Das Beschaffen des Equipments für westliche Pop-Musik und die Suche nach räumlichen Übungsplätzen stellen die angehenden Musiker allerdings oft vor schier unlösbare Probleme. Auf staatliche Unterstützung können sie in diesem Fall natürlich nicht hoffen. Gefördert werden lediglich Bestrebungen, die traditionelle und reichhaltige Regionalmusik Irans der Jugend nahe zu bringen, eine Förderung, die spärlich tröpfelt und unter dem Präsidenten Ahmadinejad nahezu versiegt ist.

In den großen Städten, vor allem aber in Teheran, existiert eine musikalische Underground-Szene (s. meinen Beitrag auf dieser Webseite Zirzamin heißt Untergrund), die für sich das Internet als Forum nutzt. Eigene Musikstücke oder gar Alben werden ins Netz gestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Per Mausklick kann hier auch in Form eines Wettbewerbs über die Qualität der Songs abgestimmt werden. Manche Musiker, die schon länger aktiv sind, ohne jedoch eine Genehmigung für die Veröffentlichung eines eigenen Albums erhalten zu haben (die begehrte Lizenz wird vom Ministerium für Kultur und islamische Führung erteilt), haben durch das Internet und Mundpropaganda eine gewisse Bekanntheit erreicht. Zu ihnen zählt etwa der 1979 geborene Mohsen Chavoshi, dessen traurige Balladen mit einfühlsamen Texten bei vielen Jugendlichen populär sind. Er drückt wohl das frustrierende Gefühl dieser Generation am treffendsten aus. Er komponiert eine Musik, die aus einheimischen Motiven und internationalem Pop besteht. Sein eingängiger, allerdings wenig abwechslungsreicher Gesang, gibt die verträumten, romantischen aber auch alltagsbezogenen Texte in melancholischem Tonfall wieder. Der Filmregisseur Dariush Mehrjui, Urgestein des anspruchsvollen iranischen Kinos, benutzte einen Song Chavoshis für seinen 2007 fertig gestellten Film "Santouri". Das drastisch dargestellte Drama um einen drogenabhängigen Musiker durfte bisher nicht in den Kinos gezeigt werden. Nach Jahren nervenaufreibender Bemühungen ist im Herbst 2008 Chavoshis erstes Album "Ye Shakhe Niloofar" (Ein Lotus-Strauss) erschienen. Mit rasender Geschwindigkeit wurde dieses Album zum Mega-Hit, innerhalb von zwei Monaten sind beinahe eine Million davon verkauft worden. Musikalisch ist es eine beachtliche Leistung geworden, Chavoshis schleppender, rauher Gesang ist in der iranischen Pop-Szene eher die Ausnahme. (Hier der zweite Track des Albums "Kojast Begu" als MP3)

Iraner, die sich über den alltäglichen Rahmen hinaus, für Musik, zumal für nichtiranische, interessieren, müssen sich diese von im Ausland lebenden Verwandten und Bekannten oder mit viel Mühe übers Internet besorgen. Dabei hat ein Klassikliebhaber die gleichen Schwierigkeiten, wie ein Pop-Musik Fan. Noch ungünstiger sieht die Situation für diejenigen aus, die sich für eine der auch im Westen unterrepräsentierten Musikarten entschieden haben. Wer etwa zeitgenössische oder Jazz Musik zu seinem Hobby gemacht hat, wird auch auf dem Schwarzmarkt selten fündig werden.

Eine der an einer Hand abzuzählenden Veröffentlichungen iranischer Avantgarde-Musik, ist 2005 in einer Box mit drei CD's erschienen. Hierbei handelt es sich um Einspielungen von frühen elektronischen Werken Alireza Mashayekhis, des Pioniers dieser Musikrichtung im Iran (Happy Electronic Sounds). Mashayekhi, Jahrgang 1940, ging nach seinem Musikstudium im Iran nach Wien, wo er an der Akademie für Musik und Darstellende Kunst bei Hanns Jelinek und Karl Schiske mit dem weiten Spektrum der modernen Musik des 20. Jahrhunderts bekannt gemacht wurde. Die Aufnahmen dieser Box entstanden in Utrecht und New York. Neben Werken für großes Orchester, schuf Mashayekhi in zahlreichen Genres zeitgenössischer Musik Werke, in denen er sich auch mit der musikalischen Tradition Irans auseinandersetzt. Das kleine innovative iranische Label Hermesrecords brachte 2002 die CD "Iranian Orchestra for New Music" mit Werken des Altmeisters heraus. Hier werden Strukturen zeitgenössischer Musik verwendet, die orchestrale Muster teilweise mit dem traditionellen Instrumentarium Irans wiedergeben. Eine klanglich spannende Einspielung, die dadurch an Authentizität gewinnt, dass sie vom Komponisten selber dirigiert wurde.
Auch das von Hamidreza Ardalan 2003 gegründete "Tehran Experimental Orchestra" benutzt ausschließlich Instrumente der heimischen Musikkultur. Auf "Tonal Practice", erschienen 2006, ebenfalls bei Hermesrecords, experimentieren die Musiker, teilweise in freier Improvisation, mit den jahrhundertealten Modi (Dastgah) der persischen traditionellen Kunstmusik. Derartige atonale Experimente werden aber nur von einem äußerst kleinen Kreis musikinteressierter Iraner zur Kenntnis genommen. Für jemanden, der sich mit der iranischen Musikszene auseinandersetzt, sind solche außergewöhnlichen Beispiele dann überraschend und machen auch eins deutlich: Die Szene lebt und sucht sich ihre Freiräume.

Das immer wieder vorgetragene Lamento vieler Musiker über eine mangelhafte Unterstützung ihrer Arbeit, über die zögernde Förderung des Nachwuchses, über eine rudimentär betriebene Musikwissenschaft und generell über eine an Verachtung grenzende Betrachtung der Musik insgesamt durch die Mehrzahl der Verantwortung tragenden Repräsentanten der schiitischen Geistlichkeit, machen den beklagenswerten Zustand der iranischen Musikszene deutlich. Privaten Unternehmen ist es nicht gestattet, ohne Genehmigung Musik zu veröffentlichen oder importierte Tonträger zu vertreiben, ebenso sind öffentliche Veranstaltungen ohne vorherige Erlaubnis untersagt. Über all das entscheiden die dafür zuständigen Abteilungen des oben genannten Ministeriums. Von der ersten bis zur letzten Note, über den Text, die Covergestaltung, ja bis in die Instrumentierung hinein, geht die ‚Beratung', die oft einer Bevormundung gleichkommt.

Gerade die lange und reiche Tradition persischer Poesie war und ist eng mit ihrer musikalischen Interpretation verbunden. Auch die Neuzeit hat ihre Poeten und Komponisten. Diesen das Forum für ihre Betätigung dermaßen einzuengen, wie es zurzeit im Iran geschieht, ist eine kulturelle Fehlleistung, die, je länger sie dauert, dazu führt, dass Teile der Gesellschaft sich abwenden, weil sie staatlicherseits ausgeklammert werden.

Für das Regime in Teheran hat Musik eine rein funktionelle Aufgabe. Natürlich benutzt man auch im Iran bei Militärparaden Marschmusik, große öffentliche Veranstaltungen - die Eröffnung der internationalen Filmfestspiele zum Beispiel - kommen ohne Musik nicht aus. Für derartige Anlässe leistet sich die islamische Republik zwei nach westlichem Vorbild organisierte große Orchester (das Orchestr-e Melal, Nationalorchester und das Teheraner Symphony Orchster). Trailer über religiöse Werbebotschaften in TV und Kino werden mit modernen Klängen und Rhythmen unterlegt. Religiöse Gesänge bei den diversen feierlichen Veranstaltungen zeigen ein musikalisches Gewand und offizielle Institutionen vergeben hin und wieder Auftragskompositionen.
Hier wird deutlich, dass weltliche Klänge durchaus Anklang in den Ohren der hohen iranischen Geistlichkeit finden - wenn sie für ihre Zwecke einsetzbar sind.
Die ablehnende Einstellung gegenüber westlicher Kultur insgesamt lässt das eigene iranische Kulturleben in einer geistigen Abschottung vor sich hindümpeln. Befruchtender Austausch, anregende Kontroversen oder einfach das Kennenlernen neuer Ideen auf diesem Gebiet finden kaum statt. Die Iraner müssen ins Ausland reisen, um von neuen Strömungen in Kunst und Kultur zu erfahren. Selbst die Entwicklung der landeseignen Kunst- und Kulturszene wird von Reglementierungen und Verboten beherrscht, auch die Kürzung von Subventionen gehört dazu. Der Bereich der Musik ist davon am stärksten betroffen.

Gegenüber den ersten Jahren nach der Revolution hat sich aber - das sei hier nicht unterschlagen - immerhin einiges getan. Besonders während der Amtszeit von Präsident Khatami gab es spürbare Lockerungen, die sich positiv auf den Musikbereich auswirkten. Genehmigungen wurden großzügiger erteilt und so manche Musikaufnahme, die vorher nicht freigegeben wurde, konnte nun veröffentlicht werden. Leider war dies nur eine kurze Periode und selbst während der Regierungszeit Khatamis war nicht alles Wünschenswerte möglich.
Wenn am Anfang von dem weißen Fleck Iran, musikalisch gesehen, für die übrige Welt gesprochen wurde, so muß man befürchten, dass bald für den Iran die übrige Welt musikalisch ein weißer Fleck wird. Eine der kulturellen Errungenschaften der Menschheit, die Musik, dermaßen einzuschränken, ist auf Dauer noch keiner Gesellschaft bekommen. Letztendlich werden sich die Menschen selber Gesang und Tanz nicht verbieten lassen.

* Einige Links führen zu Internetseiten, die leider nur in persischer Sprache einsehbar sind.
** Diese Angaben sind von der Homepage: islam-pure
© Hans Wisotzki, Februar 2009/Juni 2010




THE MASTER OF DISASTER
Peter Hammill und seine Musik

Als sich Ende der 60iger Jahre in der Musik-Szene eine neue Richtung herausbildete und Musiker Stile verschiedener Richtungen miteinander verbanden, entwickelte sich das, was als progressive Rockmusik bekannt wurde. Elemente der Rock-, Jazz- und Avantgarde-Musik wurden in mehr oder weniger komplexen Stücken verarbeitet und stellten gleichermaßen hohe Ansprüche an Interpreten und Hörer. Bekannte Gruppen dieser Richtung waren in jener Zeit etwa Jethro Tull, Yes, King Crimson, Magma und - Van der Graaf Generator. Kopf der letztgenannten Band war der Brite Peter Hammill, der am 5. November 2008 seinen sechzigsten Geburtstag beging.

1967 gründeten drei Studenten der Manchester Universität (P. Hammill - guitar & vocals, Nick Pearne - organ und Chris Judge Smith - drums & wind instruments) eine Band, die dem damaligen Trend folgend, eine Musik aus Blues, Jazz und Rock spielte. Auf Grund eines Demos erhielten sie einen Vertrag bei Mercury Records, den allerdings nur Peter Hammill unterzeichnete. 1968 kam es zu einer Umbesetzung, anstelle von Nick Pearne kam Hugh Banton und Judge Smith wurde durch Guy Evans ersetzt. Keith Ellis übernahm für kurze Zeit die Bassgitarre.
1969 erschien dann die erste Van der Graaf Generator (VdGG) LP The Aerosol Grey Machine, die allerdings nur in den USA erschien. Ursprünglich als Hammill-Solo-Projekt angelegt, konnte der an seinen Vertrag gebundene Musiker es erreichen, dass das Album unter dem Bandnamen veröffentlicht wurde. Der Name Van der Graaf, wohl ursprünglich von Chris Judge Smith ausgedacht, geht zurück auf den Niederländer Van de Graff, der einen Generator zur Erzeugung hoher elektrischer Gleichspannungen entwickelte. Die Musik auf diesem ersten VdGG Album klingt insgesamt noch etwas unreif und halb-professionell, wenn man es etwa mit dem perfekt instrumentiert und vorgetragenen Debut-Album King Crimsons, In the Court of the Crimson King von 1968, vergleicht.

Das nächste Album - The Least We Can Do Is Wave To Each Other - erschien dann im Februar 1970 beim neu gegründeten Label Charisma Records und war von der Formation her erneut von einer Umbesetzung geprägt: Der Bassist Keith Ellis hatte die Band verlassen, seine Position wurde von Hugh Banton (organ) mit übernommen, der den Bass-Part teilweise auf seiner Orgel spielte, und der Saxofonist David Jackson war neu hinzu gekommen. Teilweise wurden Titel des Aerosol Grey Machine Albums in neuer Bearbeitung übernommen. In dieser Besetzung ging VdGG in die Geschichte des Prog-Rock ein und hält bis heute seinen Kult-Status.
Im Dezember desselben Jahres erschien H to He, Who Am the Only One mit dem effektvollen, starken Titel Killer, das vor allem durch Jacksons Solo Berühmtheit erlangte. Peter Hammill komponierte den größten Teil der Stücke und schrieb sämtliche Texte. Das Besondere an dieser Gruppe war, neben der Jazz-Rock Betonung, der expressive gesangliche Vortrag Hammills, der variationsreich und mit dramatischem Habitus das damals vorherrschende Spektrum übertraf. David Bowie und Freddy Mercury z. B. waren die - allerdings kommerziell weitaus erfolgreicheren - Epigonen dieser Art des Gesanges. Hammills Stimmlage reichte vom kreischender Falsett bis zum röhrenden Gegröle, klang aber auch in den Mittellagen angenehm weich und überaus melodiös.

Im Oktober 1971 kam Pawn Hearts heraus, ein Meisterwerk der Gruppe, das auch heute noch nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. Ein kraftvolles, innovatives, schwermütiges Album, das lediglich drei Titel hat und mit A Plague of Lighthouse Keepers, eine 23minütige Mini-Oper enthält. Auch hier werden geschickt harmonische Rock-Strukturen mit avantgardistischen Klängen und harten Jazz-Riffs verbunden. Über allem brilliert Hammills Stimme, der seine eigenen Texte in unnachahmlicher Weise vorträgt. Aus dem Stück A Plague… stammt die Zeile I prophesy disaster. Spätestens seit diesem Album galt Peter Hammill als der Komponist düsterer, Angst einflössender und einem schwermütigen Unterbewußtem huldigender Musik, die in Verbindung mit seiner Lyrik, in denen er Verzweiflung, Verlust und Verdammnis thematisierte, eine geradezu wagnerianische Dimension erreichte.
Der Zuspruch des Publikums hielt sich jedoch in bescheidenen Grenzen, große Verkaufserfolge konnten mit den Schallplatten nicht erzielt werden. Nach Pawn Hearts wandte sich Hammill Solo-Platten zu, bei denen ihn die übrigen Bandmitglieder immer wieder unterstützten. Auf seinen Solo Alben pflegte er noch eine Weile das Image des Prince of Fear und schuf beeindruckende Songs mit nach wie vor außergewöhnlichen Texten. Auch musikalisch bewegte er sich weiterhin im Prog-Rock Rahmen, in dem er experimentelle und lyrische Songs vortrug wie kein Zweiter. Das Spektrum seiner Musik ging allerdings weit über das Übliche in diesem Genre hinaus.

Von 1975 bis 1978 kam es zu einer erneuten VdGG Verbindung, aus der drei weitere Alben hervorgingen (Godbluff - 1975, Still Life und World Record - 1976), ebenfalls Meilensteine des Jazz-Rock Genres. Die Musiker hatten nichts von ihrer kraftvollen Spielweise eingebüßt, der Orgel-Saxofon-Sound transportierte kongenial Hammills einfallsreiche Kompositionen, die der Sänger nach wie vor mit emphatischem Gestus vortrug. Er selber spielte Gitarre, Klavier und Keyboard.
Unterdessen war 1971 seine erste Solo-LP erschienen, Fools Mate, die Stücke aus den späten 60igern enthielt. Hier lebte Hammill sein Talent als romantischer Songwriter aus, von den schwergewichtigen, episch angelegten Long-Songs war keine Spur zu hören. Davon gab es dann mehr auf den drei nachfolgenden LP's (Chameleon in the Shadow of the Night (1973), The Silent Corner and the Empty Stage und In Camera (beide 1974) zu hören. Teilweise verarbeitete er hier Songs, die er für VdGG komponiert hatte, denn bei Stücken wie Black Room auf Chameleon in the Shadow of the Night oder dem kryptischen Psychodrama A Louse Is Not A Home auf The Silent Corner and the Empty Stage war die komplette Band vertreten.

Beinahe im jährlichen Rhythmus sind seither von Peter Hammill Solo-Projekte erschienen. Nach einer erneuten Auflösung der Gruppe kam 1977 The Quiet Zone/The Pleasure Dome heraus, ein Album, auf dem nach dem Weggang von Hugh Banton und David Jackson nun Nic Potter (Bass) und der Violinist Graham Smith den typischen Orgel-Saxofon-Sound vergessen ließ und um eine lebhafte Variante bereicherten. Die Band nannte sich nur noch Van der Graaf. Auch bei diesem Album zeigte sich Hammill voll auf der Höhe seines Könnens und lieferte ebenso harte und zupackende (Cat's Eye/Yellow Fever, The Sphinx in the Face), wie lyrisch-melodiöse Songs (The Siren-Song).
Im selben Jahr (April 1977) war Hammill's sechstes Solo-Album, Over, erschienen. Der Sänger thematisiert in acht Songs - mit wunderbar rockig-schwermütigem Tonfall - die Trennung seiner Freundin Alice von ihm. Es ist eines seiner persönlichsten Alben geworden, bei dem er in den sehr emotionalen Texten die verschiedenen Phasen des Trennungsschmerzes ausdrückt.

In den folgenden Jahren veröffentlichte Hammill mit gewisser Regelmäßigkeit gleichbleibend gute und ausdrucksstarke Alben. Ab Mitte der 80iger passte er sich teilweise auch dem synthetischen Elektrosound an, ohne jedoch seinen typischen Stil zu verleugnen. 1991 überraschte er seine Fans mit dem Opus The Fall of the House of Usher, nach einer Erzählung von Edgar Allan Poe, das Libretto schrieb sein alter Freund aus frühen VdGG Tagen, Chris Judge Smith. Während Hammill selbst den Part des Roderick Usher sang, übernahmen Lene Lovich, Andy Bell, Sarah Jane Morris und Herbert Grönemeyer (!), die anderen Gesangsteile.
Alle Instrumente spielte der Komponist selber, bei einigen Passagen nur von Stuart Gordon auf der Violine begleitet. Das sehr textlastige 70minütige Werk kann allerdings nicht durchweg überzeugen, wozu auch der etwas eintönige - Hammill selbst schrieb "klobige" - Sound beiträgt und die nicht von Hammill gesungenen Vokalteile mitunter recht schwach vorgetragen werden. 1999 überarbeitete er die Oper, entfernte die Percussion-Parts, fügte mehr Gitarren hinzu und mischte das Werk neu ab.

1992 gründete er sein eigenes Label Fie! (ein Wortspiel mit dem griechischen Buchstaben phi - PH-I = Peter Hammill-Ich), auf dem seither seine Solo-Alben erschienen sind. Seit 1970 nahm er viele Stücke im Home-Recording-Verfahren auf und nannte sein Studio Terra Incognita.
Neben den Studio-Produktionen veröffentlichte er immer wieder auch Live-Mitschnitte, die seine stimmliche Variationsbreite eindrucksvoll dokumentieren. Zu den Stücken begleitete er sich entweder zur Gitarre oder dem Keyboard, in den letzten Jahren tritt er meist ohne Begleitmusiker auf.
Kurz nach Fertigstellung des Albums Incoherence (veröffentlicht März 2004), erlitt er im Dezember 2003 einen Herzanfall, den er glimpflich überstand und auf seinem 2006 erschienenen und bislang letzten Album Singularity musikalisch verarbeitete.

In der Zwischenzeit kam es zur Überraschung der Fans zu einer Re-Union der Originalbesetzung von VdGG. Ein neues Album, die Doppel-CD Present, erschien 2005 und die Band ging auf Tournee, wo sie neben dem neuen Material natürlich auch die alten Stücke spielten. Als David Jackson 2006 die Gruppe wieder verließ, tourten VdGG als Trio weiter. 2008 erschien ein weiteres Album, Triosector, das etwas bemüht den alten, typischen VdGG-Sound mit der Orgel als Hauptinstrument zu konservieren versucht. Auch in dieser Besetzung geht die Gruppe nach wie vor auf Tournee.

Zur Reihe seiner Veröffentlichungen zählen auch einige reine Instrumental-Alben, entweder Soloaufnahmen oder mit anderen zusammen entstanden. Mit Roger Eno entstand 1999 The Appointed Hour, wobei die Idee an diesem Projekt war, dass jeder Musiker zu einer bestimmten Stunde (als Tag wurde der 1. April festgelegt) in seinem eigenen Wohnumfeld etwas aufnehmen sollte. Die unterschiedlichen Tracks mischte Hammill dann zu einem Ganzen zusammen. Das Ergebnis hat einige interessante Momente, ist aber musikalisch weniger erwähnenswert. Auch Unsung von 2001 macht erneut deutlich, dass Peter Hammill kein virtuoser Instrumentalist ist, seine Stärke ist das Arrangieren und das Schaffen von Atmosphäre.
Im Laufe der Jahre wurde er auch von verschiedenen anderen Künstlern als Gast für deren Plattenproduktionen eingeladen. So z. B. von Peter Gabriel oder Robert Fripp. Eine umfangreiche Liste dieser Aktivitäten findet sich bei en.wikipedia.org/wiki/Peter_Hammill.

Peter Hammill gehört zu den Ausnahmekünstlern der internationalen Musik-Szene, der weltweit eine zwar kleine, aber treue Fan-Gemeinde hat. Für die Aufnahme bei einem größeren Publikum ist seine Musik immer etwas zu sperrig und avantgardistisch, wenngleich es genügend Beispiele für eingängige Songs auf seinen Alben gibt (Sitting Targets - 1981, The Love Songs - 1984, Skin - 1986, Fireships - 1992, The Noise - 1992, None of the Above - 2000). Der vielseitige Künstler lässt sich auch nicht in eine bestimmte musikalische Richtung einordnen. In den letzten zehn Jahren ist auf seinen Alben eine Hinwendung zu melodramatischen, eher langsameren Songs zu erkennen, vielfach verzichtet er auf Percussion und arbeitet mit mehrfach überlagerten Gesangsspuren und elektronischen Klangverfremdungen. Das Ausprobieren gehört bei Peter Hammill zur musikalischen Ausdrucksweise. Mit And close as this (1986) brachte er eine LP heraus, auf der er sich lediglich auf einem Klavier/Keyboard begleitete, auf Clutch (2002) begleitete er sich bei allen Stücken nur mit der Akustikgitarre.

Mit dem bereits erwähnten Album Incoherence schuf er noch einmal ein Konzept-Album von knapp über 40 Minuten Länge, Stuart Gordon (Violine) und David Jackson (Flute & Sax) sind die einzigen Gastmusiker. Anspruchsvolles Thema ist die Sprache. Er behandelt in 14 Stücken deren Widersprüche und Mängel, sowie die Unzulänglichkeiten sich mit Wörtern auszudrücken. Das ambitionierte Werk wurde von Kritikern als eine Art Hauptwerk im Schaffen des Künstlers klassifiziert. Hammill zieht hier noch mal alle Register seines kompositorischen Könnens und bringt von harmonischen bis harten Rockpassagen alles unter einen Hut. Auch textlich bewegt er sich auf hohem Niveau, streift Philosophisches und Gegenwärtiges, manche wollen auch Kritisches in Richtung des damaligen Premiers Tony Blair rausgehört haben.

In 40 Jahren professioneller Performance schuf Peter Hammill 300 Songs, die auf rund 60 CD's immer noch fast vollständig vorliegen. Das Erstaunliche bei dieser Fülle an musikalischem Material ist, dass der Anteil guter bis großartiger Stücke bei Weitem die schwächeren übertrifft. Es ist selten, dass ein Künstler über einen so langen Zeitraum solch eine beinahe unveränderte hohe Kreativität aufweist. Dies gibt auch für die Zukunft berechtigte Hoffnung, noch weitere gelungene Werke aus seiner Feder zu Gehör zu bekommen.



© Hans Wisotzki, November 2008




"Ali und Nino",
ein Roman von Kurban Said, alias ... ?
und:
"märchenhafte Einschübe"
Essad Bey und seine Bücher

(revidierte Fassung April 2011)


Die 1937 veröffentlichte Liebesgeschichte (Besprechnung s. hier) zwischen dem aus wohlhabender Familie stammenden muslimischen Azerbaijaner Ali Shirwanshir und der christlichen Prinzessin Nino Kipiani aus Georgien, ist in der unruhigen Zeit der russischen Revolution angesiedelt und spielt größtenteils in Baku, der Ölmetropole am Kaspischen Meer.
Das Buch verschwand nach dem Krieg in der Versenkung. Erst als 1970 in den USA und 1973 in der Bundesrepublik Neuauflagen herauskamen, wuchs weltweit das Interesse an diesem Roman.

"Ali und Nino" ist sicherlich keine große Weltliteratur (wenngleich weltweit verlegt), eher eine aus verschiedenen Episoden zusammengesetzte und amüsant geschriebene Erzählung, deren literarischer Anspruch von bisweilen emphatisch begeisterten Fans erheblich überschätzt wird.
Als Leser wird man ohne Zweifel gut unterhalten, erhält die eine oder andere Information über jene Epoche, schmunzelt des öfteren über einige treffsichere Dialoge zwischen dem jungen Pärchen und findet bisweilen sogar Parallelen, die bis in unsere Gegenwart hineinreichen.

Darüberhinaus enthält "Ali und Nino" Betrachtungen zur unterschiedlichen Mentalität zwischen Orient und Okzident. Die Eroberung des Kaukasus durch die Russen lastet schwer auf den Schultern der nun nicht mehr direkt an der Macht teilhabenden azerbaijanischen Führungsschichten. Der junge Ali schwärmt von den vergangenen grausamen Helden der eigenen Geschichte und verdammt die grausamen Tyrannen aus dem Ausland. Früher, heißt es im Roman, wurden die Fremden ausgeraubt, anstatt, dass sie uns ausraubten. Und überhaupt ist ja der Kaukasus wegen seiner Räubermentalität ein ganz verschrienes Territorium.

Die Rezensionen über den kleinen Roman waren und sind zumeist freundlich und heben den flotten Stil und die gelungene Darstellung der Zeitepoche hervor.
In Azerbajan selbst war der Roman zu Sowjetzeiten verboten und gelangte erst in jüngster Zeit auf den Buchmarkt. Dort wurde er, als mangele es der azerbaijanischen Literatur an geeigneteren Werken, von Enthusiasten zu einer Art Nationalepos hochstilisiert.

Streit entbrannte in Baku bald um die Frage nach der Autorschaft. Verschiedene Lager bekämpften sich mit harten Vorwürfen: Die eine Seite lehnte entrüstet die Darstellung ab, dass der Autor Kurban Said jüdischer Abstammung gewesen sein soll; andere wandten sich gegen die Behauptung, Kurban Said sei ein Pseudonym des in Deutschland in den dreißiger Jahren erfolgreichen Sachbuch-Schriftstellers Essad Bey - dessen Name wiederum Pseudonym für (den jüdischstämmigen) Lev Noussimbaum gewesen sein soll.
Dieser war der Sohn des in Baku durch Erdöl zu Reichtum gekommenen Abraham Noussimbaum, der nach der Revolution enteignet wurde und in Berlin Zuflucht fand, wo beide seit Anfang der zwanziger Jahre lebten.

Eine andere Version wird vom Sohn des ersten Außenministers der ersten demokratischen Republik Azerbaijan, die von 1918 - 1920 ein kurzfristiges Dasein erlebte -, behauptet: sein Vater - Yusef Vezir (der mehrere Pseudonyme hatte, eins davon war Cemenzemenli) - sei Autor dieses Buches. Er habe während seiner Zeit im westlichen Exil in den zwanziger Jahren diese Geschichte geschrieben und sie einem Mann gegeben, der sie dann ins Deutsche übersetzte und unter dem Pseudonym Kurban Said veröffentlichte. Anhänger dieser These brachten 2004 in Baku sogar eine Ausgabe von "Ali und Nino" heraus, die Cemenzemenli als Autor angibt. Ende 2010 veröffentlichte Azerbaijan International eine knapp 350 Seiten umfassende Sondernummer des gleichnamigen Magazins unter dem Titel: Ali und Nino - The Business of Literature mit dem Untertitel Who wrote Azerbaijan's most famous novel?. Die Herausgeberin und Hauptautorin Betty Blair outete sich als Anhängerin der Cemenzemenli-These. Das reich bebilderte Werk wurde von einem Autorenteam in jahrelanger Recherchearbeit zusammengestellt. Viele (interessante) Indizien sollen belegen, dass Essad Bey hauptsächlich als Plagiator unterwegs war und auch diesen Roman nicht selber verfasst haben soll. Der entscheidende Beweis, wie Leo Noussimbaum in den Besitz eines Manuskriptes von Cemenzemenli gekommen sein soll und ob überhaupt die Möglichkeit eines Kontaktes zwischen beiden jemals bestanden haben könnte, fehlt allerdings...

Leela Ehrenfels, die Erbin der österreichischen Baronin Elfriede Ehrenfels von Bodmershof, erhob ebenfalls Anspruch darauf, die Urheberrechte des Romans zu besitzen. Kurban Said, so ihr Argument, sei das gewählte Pseudonym ihrer Tante gewesen und so sei es auch im Verlagsvertrag von 1937 dokumentiert. Und schließlich gibt es ja auch noch den Eintrag im Deutschen Bücherverzeichnis: Kurban Said [d. i. Baronin Elfriede Ehrenfels v. Bodmershof]...

Kurban Said, Essad Bey, Leo Noussimbaum, Cemenzemenli, Elfriede Ehrenfels ... viele Namen, die zur Auswahl stehen.
Am glaubwürdigsten scheint aber zu sein, dass Essad Bey der eigentliche Autor von "Ali und Nino" war. In seinen Büchern über den Kaukasus finden sich viele Themen und Stellen, die er in diesem Roman verarbeitete, teilweise sogar einfach nur übernahm. Eine Vorgehensweise, die man bei genauer Durchsicht seiner Bücher, immer wieder feststellen kann, ganze Kapitel tauchen in leicht verifizierter Form in unterschiedlichen Büchern von ihm wieder auf.
Essad Bey (geboren als Lev (Leo) Noussimbaum, 1905 - 1942) war auch mit Elfriede Ehrenfels bekannt, eventuell bestand zwischen ihm und der noch verheirateten Baronin sogar eine Liebelei.

In den letzten Jahren haben verschiedene Interessierte versucht hinter das Geheimnis dieses vergessenen Schriftstellers zu kommen. In einer opulenten Biographie (Tom Reiss, The Orientalist - 2005/auf deutsch 2008) ist viel Material - vor allem auch die mühsame Suche danach - ausgebreitet worden.
Wissenschaftliche Artikel (Prof. Gerhard Höpp, Mohammed Essad Bey: Nur Orient für Europäer? - 1997, u. a.. Von dem 2003 verstorbenen Forscher existiert allein zu EB ein zwölf Kisten umfassender Nachlass im Berliner Zentrum Moderner Orient - ZMO, aus dem der Verfasser dieser Zeilen wertvolle Hinweise entnehmen konnte) versuchen den deutsch schreibenden Exilautor in die Zeitläufe von Weimarer Republik und Naziherrschaft einzuordnen. Die jahrelangen Bemühungen Prof. Höpps und die akribische Suche nach immer weiteren Details haben zu einem wesentlichen Teil den Nebel um Essad Beys Werdegang durchdrungen. Meine eigenen Recherchen reichen bis in die frühen achtziger Jahre zurück, zu einer Zeit, als noch einige Zeitzeugen lebten, jedoch nur vage Erinnerungen an ihn bewahrt hatten.

Auch Filmemacher entdeckten das von nebulöser Selbstdarstellung und Geheimniskrämerei umwitterte Leben Essad Beys als Objekt ihrer Begierde. So sind in relativ kurzer Zeit zwei Dokumentarfilme gedreht worden (Jos de Putter, Alias Kurban Said - 2004; Ralf Marschalleck, Mohammed Essad Bey – Im Namen des Löwen - [der Film ist anscheinend noch nicht abgeschlossen, denn bis heute (Juni 2010) gab es keine Aufführung] ).
Angeblich soll auch Hollywood (Paramount) schon in den siebziger Jahren an einer Verfilmung von "Ali und Nino" interessiert gewesen sein. Ein neueres Spielfilmprojekt des niederländischen Regisseurs Pieter Verhoeff wurde bisher nicht realisiert.

Neuerdings werden auf der Webseite www.essadbey.de, initiiert von Prof. W. Fuhrmann (Uni Potsdam), Texte, Dokumente und Forschungsergebnisse öffentlich gemacht.

Essad Bey und seine Bücher

Die Neuauflagen der Sachbücher von Essad Bey (eingeleitet übrigens von Verlagen der neuen Bundesländer nach der Wende) beschränkten sich bisher auf wenige Titel.
Sie sind inhaltlich veraltet und längst überholt und - was auch zeitgenössische Kritiker in den Dreißigern schon bemängelten - fabulös und von schwer nachprüfbarer Quellenlage. Dem scheint nun der Hans Jürgen Maurer Verlag Rechnung zu tragen, der als Cover seiner im Frühjahr 2008 avisierten Neuauflagen, an Karl May erinnernde Umschläge gestalten ließ. Dies suggeriert eine Art abenteuerliche Reiseerzählung, womit ein Teil der Essad Beyschen Erzählstruktur wohl treffend charakterisiert ist.
Zum Glück wird darauf hingewiesen, dass der Leser es hier mit einer Literatur zu tun bekommt, die vor über siebzig Jahren geschrieben worden ist.
Was bei einem Roman keine Einschränkung der Lesefreude zur Folge haben dürfte, erweist sich bei Büchern, die das Etikett Sachbuch oder Biographie tragen, eher als nachteilig. Ein Buch, das sich zum Beispiel mit dem Kaukasus beschäftigt und in seiner Hauptsache Sagen und Legenden zitiert, von Blutrachefehden und Räubern erzählt, mag dann lediglich für Liebhaber und Historiker von Interesse sein, da jemand, der an aktueller Information interessiert ist, damit nicht bedient wird.
Die Tendenz Essad Beys, mit "märchenhafte[n] Einschübe[n]" (Verlagsankündigung), seine eher spärlichen historischen Kenntnisse über Land und Leute zu verdecken, könnte einen aufmerksamen und kritischen Leser schon dazu verführen, seine Kaukasus-Bücher als größtenteils unglaubwürdig, zumindest fragwürdig, weil von vielen Irrtümern durchzogen, anzusehen. Sein gefälliger, ohne Zweifel mitreißender Stil und der ironische Unterton, der fast alle seine Bücher prägt, tragen wohl mit dazu bei, dass man hier den Schwerpunkt bei der Charakterisierung seiner Werke zu sehen glaubt.
Inhaltliches wird somit Nebensache.

Die Frage ist, ob Essad Bey aus eigenem Erfahrungsschatz berichtete oder lediglich aus anderen Büchern, sein Wissen zusammengetragen hat. Es mag sein, dass er als kleiner Junge mal in irgendeinem Dorf zu Gast gewesen war und vielleicht einige Ausflüge in die Berge unternommen hat. Wesentliche Teile seines Buches (von dem wir übrigens nie erfahren, was denn die zwölf Geheimnisse eigentlich sind) dürfte der junge Essad aber in fleißiger (oft leider oberflächlicher) Arbeit aus den Berliner Bibliotheksbeständen der zwanziger Jahre nach Hause getragen haben. Allerdings nahm es der schnellschreibende angebliche Millionärssohn mit den Fakten nicht so genau. Was man bei einem Roman zähneknirschend als dichterische Freiheit durchgehen lassen könnte, fällt in einem Sachbuch nur unangenehm auf.

Schon in einer Rezension aus dem Jahre 1932, die anlässlich der amerikanischen Ausgabe des Buches "Zwölf Geheimnisse" von Alexander Nazaroff in der New York Times erschien, sind etliche falsche oder weit übertriebene Darstellungen angegeben. Ein Punkt, den er nicht erwähnte, ist die Geschichte der Assassinen-Burg Alamut, die Essad Bey in dem Kapitel "Alamut - der Himmelsgarten", im Kaukasus verortet.
Bei seinem Ausflug durch die Schluchten und Täler will der junge Träumer auch diese Bergfestung aufsuchen. Er stößt auf Schwierigkeiten, denn:
"Es ist nicht leicht, zu den Ruinen von Alamut zu gelangen, halb vergessen sind sie und gemieden, denn die Stelle, wo die Burg stand, ist von allen Göttern verflucht ... Das Wort Alamut ist Tabu; die Kaukasier führen niemanden zu den Ruinen."
Die Kaukasier konnten schlichtweg auch niemanden dorthin führen, denn Alamut befand sich gar nicht im Kaukasus, sondern in der Nähe der persischen Stadt Qazwin, wo man auch heute noch die Ruinen besichtigen kann - ein beschwerlicher, aber lohnender Weg.
Dies ist nicht etwa ein erst durch die jüngere Geschichtsforschung herausgekommenes Faktum, auch zu Essad's aktiver Zeit war diese Tatsache in historischen Büchern zu finden. Hier hat der Autor, wie so oft, geschichtliche Realitäten einfach mißachtet und munter drauflos fabuliert.

Essad Bey schrieb fünf Biographien:
Stalin (1931)
Mohammed (1932)
Zar Nikolaus II (1935)
Reza Schah(1936)
und Lenin (1935, diese ist nur auf Italienisch erschienen).
Projekte über Peter den Großen, Enver Pascha, Mussolini und anderen kamen nicht zustande.

Zum Thema Russland schrieb er:
Das weiße Russland (1932)
Die Verschwörung gegen die Welt G.P.U. (1932)
Russland am Scheidewege (1933).

Die 'Kaukasus-Trilogie' besteht aus den Bänden:
Öl und Blut im Orient (1930)
Zwölf Geheimnisse im Kaukasus (1930)
und Der Kaukasus (1931).

Weitere Sachbücher:
Flüssiges Gold (1933)
sowie zusammen mit Wolfgang von Weisl Allah ist groß (1936).
Ein Buch über die Geschichte des Goldes konnte der bereits schwer Erkrankte nicht mehr zu Ende bringen.

Unter dem Pseudonym Kurban Said erschienen: Ali und Nino (1937) und das Mädchen vom Goldenen Horn (1938).
Daneben seit 1926 eine Fülle von Artikeln für die "Literarische Welt" und andere Presseorgane.
Ebenso soll er der Schriftstellerin Annemarie Selinko bei der Abfassung ihres Buches "Ich war ein häßliches Mädchen" geholfen haben; dem in den USA lebenden Nazi-Anhänger George Sylvester Viereck hat er bei dessen Biographie über Kaiser Wilhelm II (The Kaiser on Trial, 1937) unterstützende Hilfe geleistet.

Die hohe Anzahl der Bücher innerhalb weniger Jahre verblüfft. "Ich bin deutscher Schriftsteller", schrieb Essad Bey 1931 selbstbewußt. Eine große Karriere schien sich anzukündigen und Verlage konnten hoffen, mit Essad Bey-Büchern ein gutes Geschäft machen zu können. Die zwischen 1930 und 1932 erschienenen sieben Bücher kamen in vier Verlagen heraus. Ein überfallartiger Output, der Büchermarkt und Leserschaft in Atem hielt.
Ein befreundeter Verlagsmensch riet dem Autor 1934 denn auch, es nicht zu übertreiben; es sei bereits zu einer gewissen Müdigkeit im Sortiment seinen Büchern gegenüber gekommen. Ein Buch im Jahr, besser ein Jahr Pause dazwischen, sei angebracht.
Zu diesem Zeitpunkt aber bestimmten bereits andere Kräfte über sein weiteres Schicksal und das seiner Bücher.

Der Boom der Essad Bey-Bücher begann mit seinem Debut "Öl und Blut im Orient", ein mit autobiographischem Inhalt gestaltetes Sachbuch, das Ende 1929 in der Deutschen Verlags-Anstalt herauskam. Es behandelt die Ereignisse der revolutionären Wirren im damaligen Transkaukasien, vor allem in Baku, der Heimat des Autors. Auch dieses Buch steht nun auf der Liste der Neuauflagen des w. o. genannten Maurer Verlages.
"Öl und Blut im Orient" hat drei Teile, der erste schildert aus der Sicht des Knaben Essad die Ereignisse bis zur Revolution, der zweite behandelt die Flucht von Vater und Sohn über das Kaspische Meer ostwärts ins heutige Turkestan und die Weiterreise nach Bukhara und Persien und der dritte Teil schließlich läßt die Flüchtlinge nach Baku zurückkehren, weil inzwischen deutsche und türkische Kräfte die Bolschewisten aus der Stadt gedrängt hatten. Die Flucht beginnt erneut, als 1920 die Rote Armee wieder in die kurzfristig selbständige Republik Azerbaijan eindringt und ihr Ende besiegelt.

Essad Bey spricht in diesem Buch viele Themen an. Als Sohn eines Erdölquellenbesitzers beleuchtet er die Situation der Öl-Barone von Baku aber auch der unter elenden Bedingungen arbeitenden Menschen auf den Ölfeldern. Er erwähnt die Tätigkeit bolschewistischer Untergrundgruppen, deren Anführer ein gewisser Koba war, der später als Stalin in die Geschichte einging. Er gibt Einblicke in die Ehrbegriffe kaukasischer Sippen, die von der Blutrache geprägt sind. Als die Revolution über Baku hereinbricht, muß der junge Essad Pogrome zwischen Armeniern und muslimischen Azerbaijanern mit ansehen.
Die Flucht nach Samarkand (weil dort der Sitz seiner Familie wäre), Bukhara und Persien geben ihm Gelegenheit über dortige Sitten, politische Verhältnisse und allerlei abenteuerliche Begebenheiten zu berichten. Über die Geschehnisse in Baku während der kurzen Sowjetherrschaft läßt er sich später durch einen Gewährsmann erzählen. Nach der Rückkehr in Baku erlebt er "die glücklichste Zeit" seines Lebens. Im Frühjahr 1920, wiederum zur Flucht gezwungen, gelangt er auf abenteuerlichen Wegen nach Georgien.
Von dort reisen Vater und Sohn über Batum am Schwarzen Meer nach Konstantinopel weiter.

Er selbst gerät bei vielen Gelegenheiten in gefahrvolle, absonderliche, außergewöhnliche Situationen - der 1905 geborene war bei seiner endgültigen Flucht gerade mal Fünfzehn. Es ist hier nicht der Raum auf all die merkwürdigen Erlebnisse des Kindes und Heranwachsenden einzugehen. Es soll hier auch nicht näher auf die angebliche Verantwortung des noch nicht Zehnjährigen eingegangen werden, die er im Zusammenhang eines Streiks auf den Ölfeldern seines Vaters spielte oder auf die humorvolle Darstellung seiner angeblichen Entführung und auch nicht auf die militärischen Aktivitäten des Knaben Essad während der Kämpfe in Ganjeh. Die damalige Verlagswerbung sah in dem Buch "Ein großartiges Kulturgemälde des Ostens, gesehen mit den Augen eines Orientalen." Auf dem Cover der Neuauflage wird u. a. mit dem Untertitel "... meine haarsträubende Flucht durch den Kaukasus" geworben.

Man hat mitunter den Eindruck, als ob Essad Bey eine kaukasische Version von Tom Sawyer vor Augen hatte, denn es vergeht kaum ein Kapitel, in dem der Junge nicht in ein besonders gefährliches, oft auch unglaubwürdiges, Ereignis verwickelt wird. Seine Erzählweise ist einfach, auch deshalb, weil er stereotype Formulierungen benutzt und oft wiederholt. Kurze, auf den Punkt gebrachte Sätze bereiten einem Leser keine Schwierigkeiten. So kann man der Geschichte leicht folgen.
Weniger leicht fällt es einem dann doch, den heldenhaften Taten des Erzählers Glauben zu schenken. Der Leser, so suggerierte der Klappentext der Originalausgabe, "folgt mit stärkster Spannung den bald grotesken, bald märchenhaften, bald grausigen ... Ereignissen", die der Sohn des azerbaijanischen "Feudalen" ja mit eigenen Augen erlebt haben will. Zweifel sind angebracht, zumal auch der H. J. Maurer Verlag von einer "Autobiographie fast wie aus Tausendundeiner Nacht" spricht.

Zweifel sollten einen Leser, der zur Neuauflage greift, auch bei den Bemerkungen Essad Beys zum historischen Geschehen in Azerbaijan jener Tage befallen. Sein positives Bild über den Versuch, eine souveräne parlamentarische Republik Azerbaijan zu errichten, stimmen hinten und vorne nicht. Der Historiker Jörg Baberowski zeigt in seiner fundierten Studie "Der Feind ist überall - Stalinismus im Kaukasus" (2003), dass diese Epoche in der Geschichte Azerbaijans von einem permanenten Pogrom geprägt war. Die politischen Führer waren weder in der Lage die sozialen Belange der Bevölkerung in den Griff zu kriegen, noch überhaupt bei der Landbevölkerung ein Bewußtsein für den neuen Staat zu entwickeln.
Hier sollte man unbedingt neben Essad Beys Darstellung noch ein ernstzunehmendes Buch zur Hand nehmen, sonst erhält man einen völlig falschen Eindruck dieses bedauernswerterweise nur kurzen Ausflugs in halbwegs demokratische Verhältnisse.

Weil Essad Bey deutsche Truppen mit Massakern an der armenischen Bevölkerung in Baku im Jahr 1918 in Verbindung brachte, gab es schon bald erregten Protest nationaler Kreise. Das Buch erhielt wohl auch dadurch verkaufsfördernde Aufmerksamkeit, die dem jungen Autor einen bis dahin nicht erreichten Bekanntheitsgrad verschaffte.
Einige in Deutschland lebende ausländische muslimische Vertreter allerdings fühlten sich durch so manche lockere Bemerkung und der allgemeinen 'beleidigenden' Darstellung ihrer Völker durch Essads Buch geschmäht und legten Beschwerde beim Außenministerium ein. Essad Bey wurde zu einem Gespräch 'gebeten' und gelobte Besserung.

In einem äußerst bösen und denunzierenden Artikel in der Berliner Tribüne vom Februar 1930 mit dem Titel  "Wer ist der Verfasser des Buches 'Oel und Blut im Orient'? - Eine unglaubliche Mystifikation"   berichtet der Schreiber, ein Azerbaijaner namens Hilal Munschi, über seine Bekanntschaft mit Essad Bey. Dieser habe sich den muslimischen Namen zugelegt, um besser in "rechtsstehenden Zeitungen, wo ich bereits Mitarbeiter bin" mit seinen Artikeln Aufnahme zu finden.
"Außerdem ist der Name Essad Bey für das deutsche Ohr viel wohlklingender und exotischer!", gibt Munschi eine angebliche Äußerung Essad Beys wieder.
Dieser Autor sei aber jüdischer Abstammung und halte sich in Deutschland mit gefälschten Papieren auf, seine Zulassung zur Universität habe er sich mit falschen Unterlagen und Behauptungen erschlichen. Viel Raum widmete Munschi dann dem Buch selber, an dem er, wie sich denken läßt, kein gutes Haar ließ.

Tatsache war, dass Essad Bey 1922 in Berlin zum Islam konvertiert war, in öffentlichen Publikationen aber seine jüdische Herkunft nie angesprochen hatte. Beide, Vater und Sohn waren im Besitz von sogenannten Nansen-Pässen, die in den zwanziger Jahren vom Völkerbund entwickelt und an Staatenlose ausgegeben wurden. Essad Bey war auch aktives Mitglied der Islamischen Gemeinde zu Berlin (wo er 1930 wegen interner Streitigkeiten ausgeschlossen wurde) und belegte einige Semester am Berliner Seminar für orientalische Sprachen, um Türkisch und Arabisch zu studieren.

Ein gutes Jahr später, in seiner Ausgabe vom 10. Januar 1931, griff die Nazi-Postille "Der Völkische Beobachter" die Story erneut auf und lieferte unter der Überschrift "Eine jüdische Fälschung über Asserbaydchan " einen weiteren Schmähartikel gegen den Schriftsteller.
So brachte ihm dieses Buch einerseits den ersehnten Erfolg, anderseits war er nun öffentlich als jemand gebrandmarkt, der es offenbar mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Von Essad Bey gibt es zu diesen Vorwürfen keine Stellungnahme, keinen Gegenartikel, keine Rechtfertigung oder Aufklärung. Allerdings veröffentlichte er im Februar 1931 in 'seiner' Zeitschrift, der Literarischen Welt, in deren Rubrik 'Lebensläufe von heute', einen Beitrag mit dem Titel "Die Geschichte meines Lebens". Doch zu den Vorwürfen und rechten Hetzartikeln äußerte er sich nicht.

Essad Bey verließ Deutschland Ende 1932 und zog nach Wien, später kam sein Vater nach. Als die Nazis in Deutschland die Macht übernahmen und damit begannen die Literaturlandschaft nach ihrem Willen zu gestalten - das hieß für sie vor allem juden- und kommunistenfrei - , waren auch Essad Beys Bücher davon betroffen. Allerdings konnten noch "Flüssiges Gold" und im Frühjahr 1935 seine Nicolaus II Biographie in Deutschland erscheinen.
1935 gab es zwei Ereignisse, die ihn besonders hart trafen. Zum einen wurde er im April aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, zum anderen trennte sich seine Ehefrau von ihm.
Erika Löwendahl, Tochter des durch Schuhgroßhandel reich gewordenen Walter Loewendahl, und Essad Bey hatten im März 1932 geheiratet, nun war sie ihm, mit einem Kollegen, dem weitaus älteren Schriftsteller René Fülöp-Miller, durchgebrannt. Beide ließen sich später in den USA nieder. Die Boulevardpresse in Österreich und anderen Ländern nahm die Geschichte auf und veröffentlichte pikante Details. Erika warf ihm schizophrenes und die Ehe zerstörendes grausames Verhalten vor. Dies traf den erfolgsverwöhnten Autor und löste eine tiefe Krise aus, die ihn angeblich mehrere Selbstmordversuche unternehmen ließen. Gesichert ist dies nicht, ebensowenig wie eine psychiatrische Bahandlung.
Unter dem Namen Erika Renon trat seine Exfrau später auch als Autorin in Erscheinung, ohne jedoch größere Beachtung hervorgerufen zu haben.

Als 1936 "Allah ist groß" erschienen war, konnte er sicher nicht voraussehen, das dies das letzte deutschsprachige Buch unter dem Namen Essad Bey gewesen war. Pläne zu neuen Werken gab es in Hülle und Fülle. So war er seit Februar 1937 bemüht, über seinen italienischen Verleger, Kontakt zu Mussolini herzustellen, über den er eine Biographie schreiben wollte. Als das nicht klappte (seine jüdische Herkunft und wohl auch Druck aus Deutschland verhinderten dies), wollte er als Anschluß an "Flüssiges Gold", das die Geschichte des Erdöls behandelte, ein Buch mit dem Titel "Das Buch vom Golde" schreiben. Fertiggestellt hatte er elf Kapitel, doch zum Abschluß brachte er das Buch nicht. 1938 floh er aus Wien (sein Vater blieb zurück) und fand nach kurzem Aufenthalt in der Schweiz, in Positano Zuflucht. In dem romantisch gelegenen Küstenort, nahe Neapel, hatte sich schon seit den zwanziger Jahren eine deutsche und internationale Künstlerkolonie niedergelassen. Nur wenige dieser Emigranten hatten bleibende Erinnerungen an den geheimnisvollen Mann aus Baku bewahrt.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Essad Bey in einem immer elendere Formen annehmenden Zustand.
Wohl im Oktober 1938 war er erkrankt und verbrachte einige Zeit in Neapel im Krankenhaus. Als Diagnose wurde eine Art der Raynaudschen Krankheit festgestellt, in dessen letztem Stadium ihm die Zehen abfaulten und abgeknippst werden mußten. Er konnte diese Tortur und die starken Schmerzen unter denen er permanent litt, nur noch mit Betäubungsmitteln aushalten, dabei immer mehr an Kraft verlierend.
Ständig in Geldnöten, schrieb er verzweifelte Briefe an Verleger und alte Bekannte. Er versuchte seinem italienischen Verlag das bereits 1931 erschienene Kaukasus-Buch 'anzudrehen', indem er anbot, es um ein Kapitel zu ergänzen und zu aktualisieren. Er wäre auch damit einverstanden, wenn ein anderer Autor als Verfasser genannt werden würde. Selbst einflußreichen Freunden gelang es nur unzureichend, sich für ihn einzusetzen, erst als es schon zu spät war, bekam er das Angebot im italienischen Radio "Rundfunksendungen gegen die Alliierten zu schreiben" (Höpp, 2002).

Abraham Noussimbaum, sein in Wien lebender Vater, wurde am 5. März 1941 ins polnische Ghetto Modliborzyce abtransportiert. Sein Name ist im Verzeichnis der Holocaust-Opfer in Yad Vashem registriert. Das genaue Todesdatum ist unbekannt.

Wahrscheinlich wäre Essad Bey ohne die Hilfe seiner Gouvernante, die den Noussimbaums aus Baku mach Berlin gefolgt war, schon früher gestorben. Alice Schulte, eine Baltendeutsche, die ihm schon in Baku entweder die deutsche Sprache beibrachte oder bereits vorhandene Kenntnisse vertiefen half, blieb bis zu seinem Tod am 27. August 1942 bei ihm. Die bisher ermittelten Quellen über sie geben nur ein äußerst undeutliches Bild ab. Woher sie kam und warum sie immer wieder bei der Familie geblieben ist, konnte bislang nicht ermittelt werden. In seinem Testament vom Juli 1941 setzte er sie als Alleinerbin ein. Eine noble, aber wirkungslose Geste, denn an den Schriftsteller Essad Bey erinnerten sich nach dem Krieg nur noch wenige. Seine Bücher wurden nicht mehr aufgelegt, seine Artikel waren vergessen, die Aufgeregtheiten um seine Herkunft interessierten niemanden mehr. Willy Haas erwähnt EB in seinen 1957 erschienenen Erinnerungen  "Die literarische Welt"  mit keinem Wort, obwohl dort mehr als hundert Beiträge von Essad veröffentlicht wurden.
Ein Freund sorgte dafür, dass er in Positano eine Grabstätte bekam und finanzierte einen Grabstein. Heute ist diese Stelle eine der Touristenattraktionen des kleinen Städtchens.

Die von Tom Reiss aufgestellte These, Essad Bey habe sich - einer wahrscheinlich auch innerlich gefühlte Einstellung folgend - seiner Umwelt als 'Orientalist' dargestellt, heute würde man sagen, verkauft, mag richtig sein. Auch in der damaligen Zeit beherrschte der Marktwert die Position eines Autors. Exotisch genug führte er sich auf.
Daneben hat er sich aber auch als Biograph geschichtlicher Persönlichkeiten durchzusetzen versucht. Neben dem Orient war sein zweiter Schwerpunkt Russland. Zwei Themen also, die bei einer großen Leserschaft auf Interesse stießen.
Die überholten Biographien sind heute in Bibliotheken und Antiquariaten gut aufgehoben; Neuauflagen dieser Bücher müssten meines Erachtens einen umfangreichen Kommentar- und Erklärungsapparat enthalten, um den Leser nicht im dunkeln tappen zu lassen.

Bis jetzt sind von seinen Büchern "Allah ist groß" (Verlag Matthes & Seitz, 2002), in den frühen neunziger Jahren bereits "Öl und Blut im Orient" (1993), "Das weiße Rußland" (1991) und die Biographie "Mohammed" als Neuauflage erschienen. Hierbei handelt es sich aber weniger um eine Biographie im eigentlichen Sinn, als vielmehr um die Darstellung des Propheten aus einer sehr traditionellen Sicht, heute könnte man dem Buch zumindest eine fundamentalistische Nähe zum Islam unterstellen. Keineswegs richtig ist die Behauptung, dass die Biographie "noch heute als Standardwerk gilt", wie es im insgesamt übertrieben formulierten Essad-Bey Beitrag bei Wikipedia heißt (hier wird hauptsächlich der von Alice Schulte geschriebene Lebenslauf EB's wiedergegeben). Dieses Buch gehörte nie zu dieser Kategorie der Mohammed Literatur. Essad Bey hat, auf Grund mangelnder historischer Belege, wohl viele Legenden und im Volksglauben verbreitete Ansichten über Mohammed verarbeitet, ohne auch nur an einer einzigen Stelle eine Quelle zu nennen, wenn man mal von Koranzitaten absieht. 'Sein' Mohammed ist getrieben die Weltherrschaft zu erlangen, dabei geht er rücksichtslos vor - besonders gegen die Juden.

Prophet, Staatsmann und Feldherr, ein Mohammed-Bild, das den kämpferischen Führer betont, geschrieben in einer Zeit, in der viele Menschen das Ideal des 'Führers' als einziges erstrebenswertes ansahen. Geschrieben auch in der typischen, bildhaften und den narrativen Stil hervorhebenden Sprache Essad Beys. Die letzten Sätze dieser Biographie allerdings zeigen eine gewisse vorausschauende Sicht, die damals nicht viele teilten. Der Islam war in den Köpfen westlicher Herrscher eine heruntergekommene, abgeschriebene Bewegung, die man für die eigenen Zwecke benutzte. Essad Bey dagegen sprach von neuen Kräften, die sich entwickelten und die Mohammeds angebliches Ziel - "Die Eroberung, die Bezwingung der Welt" - anstrebten.
Eine neue Macht war im Entstehen: "Diese Macht heißt der moderne Islam. Wieder sammelt er die Völker um sich, rüstet zum Kampf, baut und verändert, paßt sich an die neue Welt, an die modernen Methoden an.
Im Vordergrunde dieser Entwicklung steht aber, wie in den Tagen des Propheten, das große arabische Land, die heilige, alte Stadt Mekka und ein strenger Krieger, der dem Worte Gottes neue Kraft und Wirklichkeit verlieh.
Der neue Orient, der neue Islam, die große Brüderschaft des Ichwan, sie rüsten zum Kampfe des Geistes und des Schwertes, zum heiligen Kampfe des Islam."

Das ist kein Text aus einer fundamentalistisch geprägten Botschaft unserer Tage, das ist vor mehr als fünfundsiebzig Jahren geschrieben. Kampf, Schwert, Krieger, Bezwingung der Welt - das Vokabular eines Fanatikers? Nun, Essad Bey verfügte über sprachliche Fähigkeiten, um auch als Propagandist tätig zu sein, was seine Mohammed-Biographie deutlich zeigt.

Nun war es wohl nie Essad Beys Absicht staubtrockene wissenschaftliche Literatur zu verfassen. Ihm war es gegeben im packenden, romanhaften Stil zu schreiben. Langer Atem war nicht seine Sache, ausgeklügelte Formulierungen finden sich bei ihm selten, dass er mühsam an seinen Texten gefeilt hat, ist nicht erkennbar, dafür spricht auch die rasche Erscheinungsweise zumindest der ersten halbes Dutzend Bücher. Sicherlich wird seine journalistische 'Lehrzeit' dazu beigetragen haben, bei der er ja verpflichtet war nach dem Sprichwort 'In der Kürze liegt die Würze' zu verfahren. Mein Eindruck ist, dass ihm vor allem an der Würze gelegen war. Er spart nicht mit Abstrusitäten und führt dem ahnungslosen Leser eine Art Raritätenkabinett aus Orient, Kaukasus und Russland vor, so dass man oft nicht unterscheiden kann, was erfunden und was historisch belegt ist.

'Als Experte für den Orient', führte ihn 1926 der Herausgeber Willy Haas, in die "Literarische Welt " ein und vielleicht empfand der junge Mann dies auch als Verpflichtung einem Image zu entsprechen. Bilder, die ihn in orientalischer Verkleidung und mit türkischem Fez auf dem Kopf zeigen, dokumentieren dies.
Es gab aber auch den Essad Bey, der keine Skrupel kannte, sich mit faschistischen Leuten zu treffen, ja mit ihnen zusammen zu arbeiten.
Waren das lediglich Treffen aus Gründen der Recherche? Gehörte das Kokettieren mit den Rechten damals zur allgemeinen Haltung? Wenn man die Auswahl der Essad Bey'schen Personen betrachtet, über die er Biographien schrieb oder schreiben wollte, so wird er einerseits sicherlich einem vom Markt her bestimmten Interesse gefolgt sein (bei Stalin war er der erste, der eine deutschsprachige Biographie vorlegte), andererseits aber wohl auch aus einem inneren Bedürfnis heraus. Seine Jubel-Biographie über den Diktator Reza Schah etwa zeigt deutlich, welchen Potentaten er eine Erneuerung der im Absterben begriffenen orientalischen Welt zutraute. Dabei spielten bei Essad Bey Überlegungen nach demokratischen, parlamentarischen Reformen überhaupt keine Rolle.
Was er auf der einen Seite bei dem von ihm gehaßten Stalin anprangerte, heißt er auf der anderen gut. Härte, Brutalität und auch Grausamkeit gehörten für ihn zum Handwerk eines durchsetzungsvermögenden Herrschers.

Ein anderes Beispiel: In seinem Buch über den russischen Geheimdienst GPU gibt es ein Kapitel über Enver Pascha (Eine Wüstengeschichte um einen großen Mann, Originalausgabe S. 224). Der türkische Feldherr war maßgeblich am Völkermord der Armenier beteiligt, strebte ein pan-türkisches Großreich und die Wiedererichtung des Kalifats an. Für Essad Bey eine der vielen schillernden Persönlichkeiten, denen er seine Aufmerksamkeit schenkte. Bei diesem Kapitel merkt man deutlich, dass er es mit feurigem Herzen geschrieben hat und dass diesem Feldherren seine volle Sympathie galt.
Essad Bey bekannte sich zur Monarchie, bevorzugte also ein Gesellschaftssystem, bei dem der Wille des Volkes an politischer Mitbestimmung außer Kraft gesetzt wird. Wenngleich in seinen Büchern hin und wieder auch liberales Gedankengut durchschimmert, wird für heutige Leser ein befremdlicher Hang zur Anerkennung autoritärer Führerpersönlichkeiten mehr als deutlich. Bei den mir bisher vorliegenden Artikeln und Besprechungen neuerer Zeit wird dieser Aspekt völlig ausgeklammert. Aus Unwissenheit? Oder Nachlässigkeit im Umgang mit den Fakten?

War Essad Bey ein Faschist?

Wichtige Kontakte in Essad Beys Leben kamen aus der rechtsgerichteten, faschistischen Ecke. Der Antibolschewist, sicherlich stark geprägt durch die Ereignisse seiner Jugendjahre in Baku und während der Flucht, suchte in Deutschland gezielt nach diesen Kreisen, frühe Artikel von ihm erschienen tatsächlich in Blättern der rechten Szene.
Obwohl er bei der liberalen 'Literarischen Welt' unterkam, wo er seine schriftstellerische Begabung ausprobieren konnte, nutzte er dies nicht, um sich dem demokratischen Spektrum der Weimarer Republik zu nähern. Über innenpolitische Vorfälle jener Zeit gibt es von ihm keine nennenswerten Anmerkungen oder Kommentare. Er hielt sich raus und konzentrierte sich auf 'seine Themen'. Mit einer Ausnahme.

1934 reiste er mit seiner Frau Erika in die USA. Dort traf er jenen bereits genannten George Sylvester Viereck, einen Nazi-Propagandisten, der schon 1923 ein Interview mit Hitler geführt hatte. Daraufhin, so die Journalistin Bella Fromm in ihrem Tagebuch, sagte er voraus, "dass dieser einmal Weltgeschichte machen wird" (zitiert nach: Fromm, Als Hitler mir die Hand küßte). Eine frühe Prognose, die leider Wahrheit wurde. Viereck war im Alter von zwölf mit seinen Eltern in die USA gezogen, wurde Schriftsteller und Journalist, veröffentlichte Lyrik Bände und kulturgeschichtliche Bücher und rührte eifrig die Werbetrommel für die Nazis in den USA. Gleichzeitig hatte er aber auch Kontakte mit Albert Einstein und Sigmund Freud. Als Herausgeber leitete er zu Beginn der dreißiger Jahre die Zeitschrift "German Outlook", für die nun Essad Bey einen Beitrag lieferte. Unter dem Titel "The red Menace in the United States" (Die rote Bedrohung in den Vereinigten Staaten) gab der inzwischen auch in Amerika bekannte Autor sein Credo zu den jüngsten Geschehnissen in Deutschland ab.

Für Tom Reiss ist dieser Text der "befremdlichste" im Oeuvre Essad Beys, eine etwas zurückhaltende Formulierung. Während sich bereits in Deutschland die Gefängnisse füllten, viele Menschen das Land fluchtartig verlassen hatten, die jüdische Bevölkerung immer stärkeren Bedrohungen ausgesetzt waren und ein im Exil lebender Schriftsteller wie Joseph Roth im selben Jahr das Land treffend als eine "Filiale der Hölle auf Erden" bezeichnete, steigerte sich Essad Bey in die seinerzeit nicht unpopuläre These hinein, dass die 'nationalsozialistische Revolution' die Rettung Europas vor dem Bolschewismus wäre.
Die Nazis hätten quasi in letzter Minute die Macht bekommen, bevor die Kommunisten sie übernommen hätten. Die USA seien gut beraten, wenn sie sich vor kommunistischen Umtrieben in Acht nähmen. Es sei unmöglich ein abschließendes Urteil über Deutschland zu fällen, ohne zu berücksichtigen, dass die Nationalsozialisten Europa vor einer Katastrophe gerettet hätten.

Essad Bey wird in Italien die Bekanntschaft des Faschisten Italo Balbo machen und mit dem radikalen rechtsgerichteten Zionisten Wolfgang von Weisl sein letztes Buch "Allah ist groß" schreiben.
Es wird deutlich, dass er offenbar im Faschismus und Nationalsozialismus die einzige Kraft sah, die den Ideen der kommunistischen Weltrevolution entgegen zu treten imstande war. Offensichtlich glaubte er, sich dem Rassenwahn der Nazis durch seinen muslimischen Glauben (und seine radikal antibolschewistischen Bücher) entziehen zu können. In faschistischen Kreisen jedenfalls las und empfahl man seine Bücher. So wurde etwa in dem in Großbritannien erschienenen Organ "The Fascist" vom Oktober 1934 mit Nachdruck auf sein Buch 'Stalin' hingewiesen.
Die Nachricht vom Abtransport seines Vaters in ein KZ wird ihm - spät, zu spät - die Augen geöffnet haben, dennoch hoffte er bis zuletzt, dass die seine Person betreffenden rassischen Fragen sich durch Einschaltung eines deutschen Anwaltes 'zufriedenstellend' würden lösen lassen.
Zu den vielen ungeklärten Fragen zur Person Essad Bey, gehört auch das Kapitel seiner faschistischen Kontakte, das hier nur angerissen werden konnte.
Auf die Frage, war Essad Bey ein Faschist?, kann auf alle Fälle diese Antwort gegeben werden: Er war kein Antifaschist!
Im übrigen nutzten ihm diese Kontakte letztendlich wenig. Als im September 1938 die italienische Regierung ein Ausreisedekret für italienische und nicht-italienische jüdische Bürger erließ, war davon auch Essad Bey betroffen. Das er dennoch so lange in Positano bleiben konnte, wird auch an der Hilfe der dortigen Einwohner gelegen haben.

Lev Noussimbaum alias Essad Bey alias Kurban Said ist eines der vielen Beispiele von Flüchtlingsschicksalen des 20. Jahrhunderts.
Mit Anerkennung ist sein Bemühen zu sehen, aus den armen Verhältnissen in die ihn und sein Vater die Revolution der Bolschewisten gestoßen hatte, heraus zu kommen und dafür das Talent, dass ihm offensichtlich mit in die Wiege gelegt worden war zu nutzen: Schriftsteller zu werden.
Mit berechtigten Zweifeln sind allerdings viele seiner Veröffentlichungen zu betrachten, die einen ambivalenten Eindruck hinterlassen und deutlich einen rechtsgerichteten Geist offenbaren, der durch eine ironische Schreibweise für oberflächliche Leser aber nicht auf Anhieb zu erkennen ist.

Die Erforschung seines Lebens ist weitaus spannender als das Lesen seiner Bücher. Wieviel Aufwand zu betreiben ist, um einen einigermaßen stabilen Lebenslauf Essad Beys zu erstellen, hat eindrucksvoll Tom Reiss mit seiner Biographie gezeigt.
Trotz der Fülle an Details bleiben noch Lücken genug, um deren Schließung sich die historische Forschung bemühen sollte.



© Hans Wisotzki, 2008



Licht und Spiralen

Am 5. Dezember 2007 ist Karlheinz Stockhausen nach kurzer schwerer Krankheit in Kürten bei Köln gestorben. Er wurde 79 Jahre alt.

Karlheinz Stockhausen war die Ausnahmeerscheinung unter den modernen Komponisten unserer Zeit. Er war dies deshalb, weil er ein lebenslang Neugieriger war, einer der nicht nur Türen aufgestoßen, sondern sie auch furchtlos durchschritten hat. Was er dort - weit hinter unserem bescheidenen Horizont - vorfand, teilte er uns mit und benutzte dafür die Sprache der Klänge, Töne und Geräusche und schuf durchweg außergewöhnliche Musik. Und manchmal konnte man dieser Musik das eigene Staunen entnehmen, das ihn bei der Entdeckung jenes tönenden Universums erfasst haben mußte.

Meine erste Begegnung mit einem Stück von Stockhausen, geschah als Jugendlicher in den späten 60igern. Der "Gesang der Jünglinge im Feuerofen" war für mich damals das ‚abgefahrenste', ‚schrägste' Stück das ich bis dahin gehört hatte. Es war die Phase der Psychedelic-Musik, erste Experimente waren zu hören, Stockhausens Konterfei war auch auf dem berühmten Cover des "Sgt. Pepper"-Albums der Beatles. Mehr als sein Name aber war mir bis dahin nicht bekannt gewesen. Und dann der Schock mit diesem unerhörten experimentalen Ausbruch, bestehend aus elektronischen Klängen, verfremdeten Stimmen und Vokalfetzen. Noch größer wurde meine Verwunderung, als ich erfuhr, dass dieses Hörabenteuer bereits Mitte der 50iger Jahre, 1955/56, komponiert und aufgeführt worden war. Meine damaligen Götter, die Beatles, ansatzweise der frühe Zappa, auch Vanilla Fudge und Pink Floyd waren bereits in mein Hörbewußtsein gedrungen, bekamen einen gehörigen Knacks. Denn das, was diese Musiker an elektronischen Spielereien bis dahin abgeliefert hatten, erschien mir nun die reinste Stümperei zu sein.

Seit dieser Zeit gehörte Stockhausens Musik - ein in seinem Fall mitunter zwiespältiger Begriff - zu meinen Favoriten, wenn es darum ging, ein musikalisches Abenteuer zu wagen. Das war ein Trip der besonderen Art und - erstaunlich genug - das hielt bis in die Gegenwart an.
Seine Oper "Licht - die sieben Tage der Woche", ein Opus an dem er von 1977 bis 2003 arbeitete und die wohl eine knapp dreißigstündige Aufführungsdauer hätte, ist ein Mammutwerk und dürfte das Opus Magnum des Künstlers sein. Zu einer kompletten Aufführung ist es zum Leidwesen des Komponisten bisher nicht gekommen. Für 2008, zum achtzigjährigen, sollte das Werk in Gesamtlänge aufgeführt werden. Hoffentlich bleibt es dabei. Hier hat Stockhausen nicht nur eine Art Gesamtschau seines Schaffens eingearbeitet, sondern auch gleichzeitig noch einmal neue, verwegene ‚Sounds' erfunden und die Grenzen des Experiments neu definiert. Etwa das Hubschrauberquartett, in dem die vier Musiker in vier fliegenden Helikoptern sitzend, zu dem Geräusch der rotierenden Flügel ‚musizieren'.

Stockhausens Einfluß auf experimentelle Musiker und auf die zeitgenössische Musik der letzten fünfzig Jahre ist enorm. Dass jemand, der in seinen Werken den ständigen Prozeß des Suchens dokumentiert, der kompromisslos seine Ideen verwirklicht und risikobereit, wie kein zweiter war, dass so einer nicht nur positiven Zuspruch erntete, liegt auf der Hand. Seine in musikalische Schwingungen umgesetzten Mantras und die esoterische Message seines Licht-Dramas sind hier und da mit Unverständnis und hämischer Ahnungslosigkeit kommentiert worden.

Karlheinz Stockhausen hat die meisten seiner Werke weltweit persönlich uraufgeführt. Fast dreihundert Stücke umfasst sein Werkverzeichnis. Um sich seine Unabhängigkeit zu bewahren, hat Stockhausen sich auch um Produktion und Vertrieb seiner Platten und CD's gekümmert. Auf seiner Homepage www.stockhausen.org sind neben Interviews, einer Kurzbiographie und ein komplettes Verzeichnis aller bisher erschienenen Veröffentlichungen auch einige Kuriositäten zu finden, wie zum Beispiel das Telegramm des Beatles-Managers Brian Epstein, der um die Genehmigung zur Veröffentlichung eines Fotos für das bereits erwähnte Plattencover bat. Ein Interview, das Björk mit Stockhausen führte und eine Reminiszenz des Can-Mitbegründers Holger Czukay sind ebenfalls Beleg dafür, welches Interesse seine Musik bei Künstlern fand und findet, die selber eher der populären Unterhaltungsmusik zugerechnet werden.

Stockhausen war sicherlich eine eigensinnige Persönlichkeit, jemand, der auf keiner Welle geschwommen, keinem Trend hinterhergelaufen ist - stattdessen war er derjenige, der Trends gesetzt hat. Er mochte es nicht, sich zu wiederholen. Aus diesem Grund ist sein Gesamtwerk ein andauernder Versuch gewesen, die Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks neu zu erkunden. Dabei schuf er ein Klanguniversum, das einzig geblieben ist. Sich in dieses Universum zu begeben, dürfte für viele Gewohnheitsmusikhörer kein Bedürfnis sein und wohl in nächster Zeit auch nicht werden. Stockhausens Musik ist - wie die zeitgenössische Musik überhaupt - lediglich für Auserwählte zugänglich, anders gesagt, für solche Hörwilligen, die bereit sind, dem gewohnten Musikverständnis Adieu zu sagen. Seine Musik stellt keine geringen Forderungen an den Hörer: Aufmerksamkeit, Hingabe, Neugier, Geduld, Toleranz. Wird man dafür belohnt? Vielleicht. Kann man sich dabei unterhalten? Nicht im herkömmlichen Sinn. Warum dann diese Mühe? Weil Stockhausen - und mit ihm ein Teil der Schöpfer der Neuen Musik - aus der Musik eine Art Philosophie gemacht hat, eine Klangphilosophie, eine aus Tönen und Geräuschen bestehende Philosophie. Diese Musik, die nicht aus geläufigen Melodien und den bekannten Rhythmen zusammengesetzt ist, die nicht die hergebrachten Intervalle und Modulationen benutzt, will nichts Geringeres als die Musik jenseits der Musik zu Gehör bringen. "Ich fühle Luft von anderen Planten" lässt Arnold Schönberg im dritten Satz seines fis-Moll Streichquartetts die Sopranstimme singen, bei Karlheinz Stockhausen dürfte es heißen: "Ich höre Musik von anderen Planeten."

Er dachte seine Musik in Räumen, in Dimensionen und Planetenbahnen. Er war der erste kosmische Komponist, ein Komponist, der mit Hilfe von Frequenzen und Schallwellen Kontakt mit seinen kosmischen Kollegen aufzunehmen versuchte. Er war sich über die Beschränktheit seines irdischen ‚Musizierens' bewusst, deshalb ist seine Musik beides: Erdverbunden und nach den Sternen greifend. Sie ist weltoffen, so wie e r sich eine offene Welt vorstellte. Stockhausens Musik ist in der Tat Musik für Morgen. Wann dieses Morgen sein wird steht in den Sternen.

Seien wir dem Komponisten dankbar, dass wir heute schon ein Stück der Zukunft hören dürfen…






"Adieu"
Collage von Hans Wisotzki, © 2007

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Ein als Lehrbuch getarnter utopischer Roman wiederentdeckt

Es gibt kluge Science-fiction Romane, die sich mit der Zukunft der Menschheit auseinandersetzen, die Gesellschaftsmodelle vor unserem Auge ausbreiten, wie etwa Huxley's Brave new world oder auch Orwell's Klassiker 1984. Hier wird der Leser nicht mit vermeintlichen Angriffen Außerirdischer konfrontiert, sondern schlicht und einfach mit dem Angriff eines uns allen bekannten irdischen Wesens, nämlich des Menschen. Solche intelligenten utopischen Romane sind eher selten und haben auf dem Buchmarkt wenig Chancen gegenüber den ewig währenden Star-Wars Gefechten, deren Hauptquartier in einem kleinen Örtchen in Kalifornien namens Hollywood liegt und deren Strategen sich mit immer neuen medialen Angriffen auf die Menschheit hervortun.

Nun entdeckte ich neulich einen Zukunftsroman in den tiefen und verstaubten Ecken meines Bücherregals. Ein rund 850 Seiten starker Schinken aus dem Jahr 1960, der als Lehrbuch getarnt einst in Großauflagen in bestimmten Teilen dieser Erde verbreitet wurde. Das Werk nennt sich zwar Grundlagen des Marxismus-Leninismus, beinhaltet aber nichts anderes als reinste Science-fiction, das mit einigen überlangen historischen Abschnitten den Leser über den eigentlichen utopischen Gehalt täuschen will - und wohl auch so manchen getäuscht hat. Besonders das Kapitel 27, das den verheißungsvollen Titel Über die kommunistische Gesellschaft trägt ist Utopie in Reinkultur und man merkt den Verfassern an, daß sie hier mit besonderer Phantasie zu Werk gegangen sind. Zu den Autoren sei noch angemerkt, daß es sich wohl um eine große Anzahl von Personen handeln soll, denen man größtenteils russische Namen verpaßt hat, die meines Erachtens nur Pseudonyme sind. Beim Durchblättern erregte ein Satz meine Aufmerksamkeit dieses längst vergessenen Werkes:

"Stellen wir uns das Bild der nächsten Zukunft vor. Die Sowjetunion wird die erste Industriemacht der Welt und Volkschina ein mächtiger Industriestaat sein. Alle volksdemokratischen Staaten werden sich in blühende, wirtschaftlich hochentwickelte Staaten verwandelt haben …Nicht mehr fern ist der Tag, da die Werktätigen der Sowjetunion den kürzesten Arbeitstag, die kürzeste Arbeitswoche und den höchsten Lebensstandard in der Welt haben werden." (Seite 803)

Ich gehöre nicht zu den Zynikern, die angesichts dieser Prophezeiung lästern mögen, daß ja nun in der ehemaligen SU tatsächlich viele Werktätige einen kurzen Arbeitstag, eine kurze Arbeitswoche haben, ganz einfach aus dem Grund, weil sie statt einer Vollbeschäftigung nur einen Minijob (wenn überhaupt) gefunden haben. Interessant ist in diesem Abschnitt der Hinweis auf die uns Deutschen vom Altkanzler her bekannte Formulierung der blühenden Landschaften, die im obigen Text weniger literarisch daherkommt. Der schon früh erkannte Aufschwung Chinas bekommt hier eine geradezu prophetische Note - ein Umstand, der scheinbar vielen utopischen Texten zu eigen ist. Immer wieder erleben wir, daß einstmals zur puren Unterhaltung ausgedachte Geschichten, das eine oder andere Element enthalten, das später zur Realität wird. Jules Vernes Roman Von der Erde zum Mond (erschienen 1865 - also nur etwas mehr als hundert Jahre vor dem ersten tatsächlichen bemannten Flug zum Mond, der 1969 stattfand) sei hier nur als Paradebeispiel genannt.
Bevor die Autoren so richtig ins phantastische Volle greifen weisen sie den Leser darauf hin, daß er nicht etwa alles für bare Münze nehmen soll. Die zukünftige Gesellschaft wird sich natürlich ständig weiter entwickeln und

"…deshalb kann man nicht genau voraussagen, wie sie aussehen wird, wenn Jahrhunderte oder gar Jahrtausende vergangen sein werden."(Seite 806)

Hier wird mit einem geschickten Stilmittel vorgetäuscht, daß man es doch mit einem Lehrbuch zu tun hat und daß der ganze vorherige Text sich auf Grund wissenschaftlicher Erkenntnis herleiten läßt. Die vorausgegangenen rund 800 Seiten weisen allerdings große Züge des Märchenhaften und der schlichten naiven Volkssage auf. Darauf näher einzugehen, bleibt anderen Köpfen vorbehalten, mich interessierte nur das spannende und immer wieder Erstaunen hervorrufende letzte Kapitel, das vom Umfang her gerade mal 20 Seiten umfaßt. Doch heißt es ja, in der Kürze liegt die Würze.
Geschickt grenzen sich die Verfasser von anderen utopischen Werken ab.

"Um sich ein Bild von dem künftigen Überfluß im Kommunismus zu machen, braucht man heute nicht mehr auf den Traum vom Tischlein-deck-dich oder vom Schlaraffenland, in dem Milch und Honig fließen, zurückzugreifen."(Seite 806)

Und etwaigen Kritikern entgegnet man:

"Rohstoffmangel? Erschöpfung der Bodenschätze, die die Menschen in der Natur vorfinden? Schon heute ist erkennbar, daß den Menschen keine solche Gefahr droht. Gewaltige Rohstoffreserven für die Herstellung von Bedarfsgütern werden durch den Aufschwung der Landwirtschaft erschlossen…. Der Mensch hat gelernt, hochwertige neue Stoffe aus Kohle und Erdgas, aus Erdöl und Holzabfällen, aus Meerwasser und sogar aus der Luft zu gewinnen. Das ist der Weg, der es ermöglicht, das Rohstoffproblem schon in der allernächsten Zukunft zu lösen." (Seite 807)

Der Hinweis auf die allernächste Zukunft findet sich übrigens häufig über das Werk verteilt, ja, man versteigt sich sogar zu der Behauptung, daß die noch lebende Generation die Anfänge dieser Weissagungen erleben wird. Auch dies ein geschickter literarischer Zug, das Werk mit quasi religiösen Botschaften anzureichern, denn hat nicht schon Jesus seinen Jüngern das nahe Himmelreich verkündet?

Eine andere nun tatsächlich in Erfüllung gegangene Prophezeiung findet sich auf Seite 808:

"Er (der Mensch) hat es gelernt, außerordentlich "gescheite" Automaten zu bauen, die in verhältnismäßig naher Zukunft imstande sein werden, die Menschheit mit allem, was sie zum Leben braucht, buchstäblich zu überhäufen"

Das ist nun ein großer Wurf! Die ganze Computer-Industrie, die ja damals noch in den Kinderschuhen steckte, das Internet, als weltumspannendes Kaufhaus, derart vorauszuahnen, zeigt, daß hier Schreiber am Werk waren, deren Phantasie sich an vorstellbaren technischen Entwicklungen entzündete. Auch die negativen Seiten der Computeritis werden in dem Schlußteil des Satzes - buchstäblich zu überhäufen - vorausgeahnt. Hier mischen sich einmal mehr Weisheit mit prosaischer Ausdruckskraft.

"…die Menschen sind 20 bis 25 Stunden wöchentlich (das heißt etwa 4 bis 5 Stunden pro Tag) und mit der Zeit noch weniger Stunden in der Produktion beschäftigt; …bei der Arbeit braucht der Mensch nicht daran zu denken, was er verdient, was er für die Arbeit erhält, denn alle Sorgen um die Befriedigung seiner Bedürfnisse hat die Gesellschaft übernommen; "(Seite 811)

Das erinnert nun doch stark an Hartz IV und an die Ein-Euro-Jobs. Die Sorgen hat auch hier die Gesellschaft übernommen, Bedarfsgemeinschaften wurden gegründet, wenige Stunden umfassende Jobs wurden geschaffen, Jobs, die ja eigentlich nur Beschäftigungen zum Wohle der Gesellschaft sind. Man könnte ja fast zu der Meinung kommen, hier, bei uns sei der Kommunismus ausgebrochen.

Nachdem also nun die glücklichen Bewohner dieser kommunistischen Gesellschaft praktisch sorgenfrei leben können, geht die Entwicklung des Fortschritts weiter und weiter. Der Staat wird abgeschafft und macht dem System einer gesellschaftlichen Selbstverwaltung Platz, an dem alle Bürger teilnehmen, es entsteht ein weitverzweigtes System von Massenorganisationen und Kollektiven. Die nationalen Kulturen und Sprachen werden auch nach dem Endsieg des Kommunismus noch lange bestehen bleiben, jedoch werden sie von all dem gesäubert, was auch nur den geringsten Anlaß zu Feindschaft und Zwietracht, zu nationalem Egoismus und Abgrenzung geben könnte. Nach diesem Großreinemachen der allseits befriedigten Saubermänner- und Frauen bleibt dann endlich Zeit und Muße sich der weiteren Verbesserung der Gesellschaft zu widmen.

"Aber auch wenn die Menschen diese Höhe erklommen haben, werden sie nicht stehenbleiben, sich nicht zufriedengeben, nicht in passive Beschaulichkeit verfallen…Das Rad der Geschichte wird sich weiter drehen…"(Seite 824)

Die Wissenschaft wird aufgefordert, sich den neuen Problemen zu stellen, denn erforderlich ist:

    "Das Leben der Menschen im Durchschnitt bis auf 150 bis 200 Jahre zu verlängern, Infektionskrankheiten auszumerzen, Alter und Ermüdung zu besiegen, dem Menschen bei frühzeitigem oder zufälligem Tod das Leben wiederzugeben;"
    Alle Kräfte der Natur, die Energie der Sonne und des Windes, die Wärme des Erdinnern dem Menschen dienstbar zu machen;
    Naturkatastrophen aller Art vorauszusagen und abzuwenden;
    Neue Tierrassen und Pflanzensorten zu züchten, die schneller wachsen, mehr Fleisch und andere Produkte liefern;
    Ungünstige Gebiete wie Sümpfe, Wüsten, Tundren usw. für den Menschen zu erschließen;
    Alle auf der Erde bekannten Stoffe bis zu den kompliziertesten industriell zu erzeugen;
    Zu lernen, das Wetter zu beherrschen, den Wind und die Wärme so zu regulieren, wie heute Flüsse reguliert werden und nach Belieben Regen und Schönwetter, Schnee und Hitze hervorzurufen;" (Seite 825/26)


Dann, wenn die Menschen alle zu Göttern geworden sind, werden sie aufbrechen zu den Sternen und Planeten besiedeln, Sonnen ein- und ausschalten, Galaxien verschieben und alle Welt von allem Übel befreien...

Es gibt SF-Romane, die sich als Lehrbuch tarnen - mancher allerdings konnte (kann?) das eine vom anderen nicht unterscheiden.
© Hans Wisotzki
im Januar 2006
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