
Paul Hindemith (1895 - 1963)
Hindemiths Kammermusikwerke, darunter die sieben Streichquartette, sind oft aus der Musizierpraxis entstanden, weswegen sie rein spieltechnisch weniger Anforderungen als etwa die Werke Schönbergs oder Bartoks stellen. Das heißt natürlich nicht, dass es sich um anspruchslose Musik handelt, dazu war Hindemith ein zu kompromissloser und genialer Komponist.
Das heute als erstes Streichquartett op. 2 geltende Werk dieser Gattung (vom Komponisten jedoch nicht zur Veröffentlichung freigegeben) entstand 1914/15. Hindemith ließ aber sein Opus 10, das dreisätzige Streichquartett f-Moll, offiziell als erstes publizieren, das 1919 zur Uraufführung kam. Bis 1923 schuf er drei weitere Quartette, um dann, nach einer zwanzigjährigen Pause, die Werke 5 und 6 (bzw. nach neuer Zählung 6 und 7) zu komponieren.
In der Zeit des musikalischen Umbruchs gehörte auch Hindemith zu den Komponisten, die ihre Art zu komponieren, noch mit einer Theorie unterfütterten. "Die Unterweisung im Tonsatz" erschien 1937 und kann auch als Gegenentwurf zu Schönbergs "Musik mit zwölf Tönen" angesehen werden. Sie setzte sich jedoch nicht durch, was Hindemith im Alter mit einiger Verbitterung zur Kenntnis nahm.
1921 gründete Hindemith das Amar-Quartett, benannt nach dem 1. Violinisten Licco Amar, er selber spielte die Bratsche. Ursprünglich trafen sich die Musiker um Hindemiths zweites Streichquartett einzustudieren. Die Gruppe entwickelte sich bis zu seiner Auflösung 1929, zu einem der berühmtesten Quartette der 20er Jahre und trat mehrmals in Donaueschingen auf.
Für mich ragt aus den 7 Werken das fünfsätzige Opus 22 heraus. Hindemith komponierte es 1921, seine Uraufführung erlebte es am 4. November 1922 durch das Amar-Quartett in Donaueschingen. Die begeisterte Aufnahme hielt auch in den folgenden Jahren an, so daß Hindemith in seinem eigenen Aufführungsverzeichnis bis Ende 1931 immerhin 127 Aufführungen verzeichnete.
Einfach gesagt, enthält dieses Quartett die Waage zwischen langsamen und temporeichen Stellen, beinhaltet immer wieder melodiereiche wie rhythmische Sequenzen, ist ‚modern' und gleichzeitig ‚klassisch'. Es enthält keine sperrigen Teile, man kann den musikalischen Gedanken der einzelnen Sätze problemlos folgen.
‚Schöne Stellen' enthält besonders der von einem mäßigen Rhythmus getragene 3. Satz (Ruhige Viertel. Stets fließend). Die Pizzicati von Bratsche und Cello geben fast durchweg den Takt an, ein Pulsschlag, zu dem die Violinen in sich umkreisenden Melodien eine melancholische Weise spielen (s. Hörbeispiel).
Insgesamt sind für Hindemiths Streichquartette Begriffe wie stürmisch, energisch, gar wild benutzt worden. Manche sagen aber, daß hinter dem Ungezügelten eine berechnende Willkür stehe, vielleicht auf Effekte bedacht, auch, um sich bewusst vom Schönbergschen Stil abzusetzen.
Heute gehört Hindemith ohne Zweifel zu den Klassikern der Moderne, allerdings, so meine Meinung, klingen die Werke doch insgesamt etwas hausbacken. Die Dissonanzen halten sich in Grenzen. Es sind zwar durchaus hörbare aber auch überraschungslose Werke. Wer neugierig auf moderne Musik des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts ist, sollte zu Hindemiths Streichquartetten greifen. Es wird ihm ein zahme Modernität geboten, quasi ein Einstieg ohne Hörrisiko. Aber: man darf diese Werke auf keinen Fall unterschätzen; sie gehören mit Recht zum Repertoire gegenwärtiger Aufführungspraxis.
Hörprobe Streichquartett 4 op. 22, Beginn des 3. Satzes ( Juilliard String Quartet)