
Max Reger (1873 - 1916)
Streichquartett Nr. 3 op. 74
"Ein tolles Stück Musik", so bezeichnete Reger selbst sein Opus 74 in d-moll, daß er 1903/04 komponierte. Das Werk wurde am 30.12.1904 in Frankfurt a. M. uraufgeführt. Es ist viersätzig und hat mit einer über 50minütigen Dauer geradezu sinfonische Ausmaße.
Der 1. Satz - Allegro agitato e vivace - bringt, wie in den beiden Vorläufern op. 54 Nr. 1 und 2 (1900/01), gehaltvolle Musik mit regertypischen, kontrastreichen Wendungen. Er enthält abrupt einsetzende Stimmungswechsel, es gibt nur sporadisch wiedererkennbare Momente und ständige Tempowechsel. Reger selbst hält sein Quartett für technisch nicht schwer, wohl aber für "musikalisch und seelisch". Nach ihm ist der 1. Satz "stürmisch erregt" und voller Tragik.
Zwischen den immer nur kurz aufblitzenden ekstatischen Ausbrüchen, kommt es zu lyrischen Einschüben, die zum Ende hin häufiger und länger werden. Machnmal ist es, als ob ein Nebelschwaden auf- und niederschwebt, ein Nebel, der die Sicht aufs wilde, hektische Leben vorübergehend verhindert. Diese beruhigenden Kantilenen brechen quasi ohne Ankündigung ab und nach wenigen pizziccato-Tupfern auf dem Cello, beginnen weitere Phasen pathetischer Musik, die immer kürzer werden. Der Satz endet nach über zwanzig Minuten mit einem kurzen, beinahe trotzig wirkenden, Finale.
Der 2. Satz - Vivace - ist kurz. Reger nennt ihn "Spuk" mit "kreuzfidelem Thema". Ein kurzes, humorvolles, schräges Stück Tanzmusik, das den Hörer nach dem schweren 1. Satz wieder etwas in Stimmung bringen möchte. Er hat etwas von kindlicher Naivität an sich, wiederholt das kurze Thema mehrmals und enthält als Unterbrechung einige Takte eines melancholischen Zwischenstücks.
Der 3. Satz - Andante sostenuto con Variazioni - ist für mich der schwächste, wenngleich es auch hier schöne, zarte lyrische Augenblicke gibt. Er besteht aus einem Thema und elf Variationen. Es mag sein, wie ich Kritiken und Quellen entnehme, daß dieser Satz zu den "grandiosesten" des Regerschen Quartettschaffens gehört, allein, der Funke des Grandiosen will nicht zu mir überspringen. Für mich hätte das letzte Drittel des ca. 18minütigen Satzes ausgereicht. Es enthält einfach nur schöne Musik; Klänge voll subtiler Feinheit, die am Ende allmählich verklingen.
Im 4. Satz - Allegro con spirito e Vivace - gibt es elegante und rhythmische Passagen. "Das Finale", heißt es lapidar in einem Nachschlagewerk, "ist rasch und heiter." Reger selbst findet dafür die Formulierung "übermütiges Streifen auf verbotenen Wegen." Auch hier kennzeichnend, die Brüche, Das An- und Abschwellen der Musik, aber weit entfernt von der Melodramatik des 1. Satzes. Der Komponist läßt uns teilhaben an der Fülle seiner Einfälle, was es aber insgesamt schwierig macht, ein Ganzes zu erkennen.
"Das Werk", so Reger zu seinem 3. Streichquartett, "will nur Musik sein. Es steht jedermann frei, sich dabei etwas zu denken oder nicht." Dies gilt wohl für alle sechs Streichquartette Regers und auch die beiden nachfolgenden Werke op. 109 in Es-dur (1909) und op. 121 in fis-moll (1911) zeigen einen Komponisten, der die Technik der Quartettkomposition vollkommen beherrscht. Beide Werke sind von ihrer Anlage her nicht so radikal wie das Opus 74 und vor allem das vierte Streichquartett wird als eher leicht zugänglich bewertet.
Es ist geschrieben worden, daß Regers drittes Quartett zu den Avanciertesten seiner Gattung vor Schönbergs Hinwendung zur Atonalität gehört. Reger hatte sich mit den beiden Quartetten op. 54 schon weit vorgewagt, was dazu führte, daß sein 1. Streichquartett durch die Weigerung eines Musikers " solch verrücktes Zeug zu spielen", nicht zur Aufführung kam. Die Uraufführung fand erst zehn Jahre später, am 26. 10. 1910 durch das Hösl-Quartett, statt, also lange nach der Uraufführung des dritten Streichquartetts. Inzwischen war Reger bekannt und einigermaßen etabliert. Das Ausreizen der Harmonik bis an ihre Grenzen gehörte zu Regers Kompositionsstil, hinzu kamen sein rastloses und fiebriges Schaffen und seine melodische und kühne Phantasie, die es ihm mitunter schwer viel - kompositorisch betrachtet - zu zügeln. Regers Musik ist modern (für damalige Verhältnisse allemal). Die überraschenden Modulationen und bis ins kleinste Detail verzierte melodische Linien, abrupte Sprünge und das Fehlen üblicher, an klassische Formen anknüpfende Melodien und deren Ausarbeitung, machen seine teilweise weit ausladende und überbordene Musik jedoch für ein breites Publikum - auch heute noch - schwer zugänglich.
Sein Streichquartettschaffen gehört zu den Vorläufern der modernen Musik. Arnold Schönberg schätzte seine Werke und genau wie Schönbergs eigenes Werk, strahlte auch die Musik Regers weit ins 20. Jahrhundert hinein.
Hörprobe: Streichquartett Nr. 3, op. 74 d-moll - Ausschnitt
aus dem ersten Drittel des 1. Satzes, in dem der typische Übergang von einer langsamen zu einer dramatischen Stelle vorgestellt wird.
Ausführende: Berner Streichquartett - Alexander von Wijnkoop, Violine; Christine Ragaz, Violine; Henrik Crafoord, Viola; Angela Schwartz, Violoncello.
Erschienen bei cpo (1994)