Arnold Schönberg (1874 - 1951)

1. Streichquartett d-Moll, op. 7
(1. Nicht zu rasch - 2. Kräftig - 3. Mäßig - 4. Mäßig heiter)

Das erste Streichquartett Schönbergs hatte nach seinen eigenen Angaben in der "Einführung zu den vier Streichquartetten" (1936), "wenigstens fünf oder sechs Vorläufer", von denen nur das Streichquartett D-dur erst 1966 aus dem Nachlaß veröffentlicht wurde. Dieses viersätzige, fast einstündige Werk, hat Schönberg auf Anraten von Alexander von Zemlinsky nach einer privaten Aufführung 1888 umgearbeitet, es dann aber gänzlich zurückgezogen. Das Quartett ist noch im traditionellen und von Brahms, mehr noch von Dvorak, beeinflußten Stil komponiert.

Mit seinem ersten offiziellen Streichquartett - komponiert 1904/05 - schuf Schönberg mit der Aufgabe der Viersätzigkeit etwas neues. Er schreibt selbst: "Die vier Teile sind nicht etwa vier Sätze, die durch Pausen getrennt sind, sondern ineinander übergehende Abschnitte. Die Thementypen der vier Sätze sind zwar angewendet, ihre mannigfache verschlungene Anordnung versucht aber einen einheitlichen ununterbrochenen Satz herzustellen".
Schönberg beabsichtigte, nach eigenem Bekunden, alle musikalischen Neuerungen seiner Zeit in seinem Opus 7 zusammen zu fassen. Der dramatische Gehalt des Werkes weist allerdings noch auf sein 1899 komponiertes und 1902 uraufgeführtes Sextett op. 4 "Verklärte Nacht" hin, in dem er die von Franz Liszt und Richard Strauß entwickelte Form der sinfonischen Dichtung für die Kammermusik übernahm. Mit diesem Stück war der Name des Autodidakten Schönberg einem kleineren Kreis Musikinteressierter bekannt geworden. Nach eigener Aussage hatte auch Gustav Mahlers Musik das "Feuer" der Neuerungen bei dem jungen Komponisten entfacht. In der Musik des 1. Streichquartetts drücken sich die Schönbergschen Vorstellungen im "Aufbau sehr großer Formen [in] weitgespannte[r] Melodik über eine reich bewegte Harmonie und neuen Klangschritten" aus. "Frei in entfernten Regionen der Tonalität", sollte sich die Musik bewegen und damit war gegeben, dass "die große Ausdehnung eine sorgfältige Konstruktion" erforderte. Möglicherweise waren es jene "entfernten Regionen" die bei der Uraufführung für einen Skandal sorgten und den Namen Schönberg bereits vor dessen Entwicklung der Zwölftonmusik bei Traditionalisten und Musikkritikern in Verruf brachte.
Es gibt von Schönberg eine Art Wegweiser, er nannte es Programm, zum 1. Streichquartett, mehr eine Ansammlung von gefühlsbetonten Stichworten, wohl mehr zur eigenen Orientierung, als zur Veröffentlichung gedacht. In diesen Skizzen ist von Auflehnung, Trotz, Sehnsucht, Gedrücktheit, Verzweiflung, Kampf und im weiter fortgeschrittenen Teil von Neuer Liebe, Innigkeit, aufsteigender Sehnsucht nach den verlassenen Lieben, vom Traumbild, von Heimkehr, stiller Freude und Einkehr von Ruhe und Harmonie die Rede.
Die ganze Palette romantischer Empfindungen hat Schönberg hier aufgelistet, um seiner Komposition einen Charakter zu geben und um sie gefühlsmäßig auszudrücken.

Der Beginn des Quartetts ist in diesem Programm mit der Stimmung "Auflehnung, Trotz" beschrieben, die von "Sehnsucht" und "Begeisterung" abgelöst wird. Die Musik ist rhythmisch und in sprunghafter nervöser Bewegung, zwischendurch kurze ironische Gesten, die an tanzbarer Wiener Cafehausmusik erinnern. Immer wieder vermittelt der Höreindruck das Gefühl von Floskelhaftem, von Anfängen und Abbrüchen. Es gibt bis weit in den zweiten Teil hinein kaum so etwas wie Ruhezonen. "Milde Auseinandersetzung" lautet ein Programmpunkt, der aber schnell in "Schwung" und "Begeisterung", "höchster Sinnenrausch" übergeht.
Der dritte Teil bringt langsame, beinahe lyrische, aber unterschwellig bis offen unruhige Teile in denen häufige und extreme Tonlagenwechsel für schrille Momente sorgen. Im vierten Teil, mäßg-heiter - wobei heiter hier wohl nur sarkastisch gemeint sein kann - herrscht die gleiche Spannung (mit nun etwas gedämpfter Dramatik) vor, die das ganze Werk auszeichnet, das am Ende "mit dem opulenten Klangfeld der breiten Coda in D-dur [mündet]" (Krummacher, Geschichte des Streichquartetts, Bd. 3, S.31).
Ohne Zweifel ist diese Musik für an Brahms oder Dvorak gewöhnte Hörer eine Herausforderung ersten Ranges; selbst heute dürfte so manchem, durch die "verwirrende Kombinatorik" (Krummacher) und dem Verzicht auf die traditionelle Viersätzigkeit mit einem klaren vorgegebenen Schema, eine Art Unbehagen beim Hören überkommen. Es ist ein großes Werk und wie bei so manchem anderen Stück, das in der Musikgeschichte für einen Skandal gesorgt hat, ist die Aufregung der Zeitgenossen Schönbergs heute, nach rund hundert Jahren, nur schwer nach zu vollziehen.

Hörprobe  Beginn des Quartetts (LaSalle Quartett 1971)

2. Streichquartett fis-Moll, op. 10
(1. (mäßig) Moderato - 2. sehr rasch - 3. Litanei. Langsam - 4. Entrückung. Sehr langsam)

Als Schönbergs 2. Streichquartett am 21. 12. 1908, wiederum durch das Rosé Quartett in Wien, zur Uraufführung kam, war der Komponist bereits als neuer und schwer zugänglicher Musik in der Wiener Musikszene 'berüchtigt'. Erneut kam es während der Vorführung zu tumultartigen Szenen und nur mit größter Mühe konnte die Musik zu Ende gebracht werden. Obwohl Schönberg diesmal zur Viersätzigkeit zurückkehrte, beschritt er mit den Liedern im 3. und 4. Satz, bei gleichzeitiger Preisgabe der Tonalität in großen Teilen dieser Sätze, radikalere Wege als beim Opus 7. Beide Gedichte, vertont für Sopransingstimme, sind von Stefan George (1868 - 1933).

Der 1. Satz beginnt mit einer lyrisch anmutenden kurzen Phase, die dann in die schon vom 1. Quartett her bekannten Sprünge und rhythmischen Teile übergeht. Die kurze Melodie taicht dann in mehreren Variationen auf und die Stimmung bekommt einen dramatischen Klang, der aber immer wieder zurück genommen wird, wobei die Eingangsmelodie den kurzen Stimmungswandel begleitet oder beendet. Der Satz endet verhalten, die einzelnen Stimmen scheinen sich gegenseitig zur Ruhe und Besinnung zu mahnen.

Der 2. Satz wird von einem unruhigen Auf und Ab getragen, das den bizarren Charakter dieses Scherzos unterstreicht. Kurz wird in der Mitte des Satzes die Melodie von "Oh, du lieber Augustin" leicht verfremdet und ironisch angespielt. Die einzelnen Stimmen verhalten sich wie im Widerstreit zueinander, nur in wenigen Momenten scheinen sie auf gleicher Augenhöhe zu sein. Am Schluß raffen sie sich erneut zusammen und hetzen wie toll noch einmal durch das Motiv des Satzes.

Mit einer ruhigen Einleitung beginnt der 3. Satz und bald setzt der Gesang ein. Es ist das Gedicht "Litanei" von Stefan George, das Schönberg hier eingefügt hat. "In einer vollkommenen Verschmelzung von Musik und Gedicht folgt die Form dem Umriß des Textes", so Schönberg in einer Analyse seines Quartetts. Der Gesang steht im Mittelpunkt dieses Satzes, was nicht heißen soll, das das Quartett hier lediglich eine Begleitfunktion zu erfüllen hat. Auch der 4. Satz beginnt getragen und ruhig und wenn diesmal die Singstimme, weich und zart, einsetzt mit den Zeilen "Ich fühle Luft von anderen Planeten" dem Gedicht "Entrückung" entnommen, so ist hier bereits die Stimmung des ganzen Satzes eingefangen. Schönberg: "In [der] Einleitung wurde versucht, die Befreiung von der Gravitation darzustellen - das Passieren durch die Wolken in zunehmend dünnere Luft, das Vergessen aller Sorgen des Erdenlebens." Hier gibt es keinen Raketendonner, hier herrscht eine nach Innen gerichtete Stimmungslage vor, eine Stimmung, in der Wehmut und Melancholie vorherrschen. Die Luft der anderen Planeten scheint nichts anderes zu sein, als die Wiedergabe des irdischen Jammertals in dem sich Schönberg damals wohl befunde haben mußte. Zum Zeitpunkt der Komposition des Werkes, im Sommer 1907, war Schönberg in eine schwere seelische Krise geraten, die durch die Aufdeckung eines Verhältnisses seiner Frau Mathilde mit dem Maler Richard Gerstl hervorgerufen wurde. Durch die Vermittlung von Anton Webern konnte Schönbergs Frau zur Rückkehr bewogen werden, woraufhin sich Gerstl das Leben nahm.
Die Uraufführung des Quartetts wurde wie erwähnt durch skandalträchtige Störer mit Schreien und Zischen unterbrochen. "Hätten sie doch nur falsch gespielt, dann hätte es vielleicht richtig geklungen", höhnte ein Kritiker. Eine Sammlung der zeitgenössischen Berichterstattung in der Wiener Presse über Schönbergs skandalbegleitende Streichquartettaufführungen (und zwei anderer Musikabende) hat Martin Eybl in dem Band "Die Befreiung des Augenblicks - Schönbergs Skandalkonzerte 1907 und 1908" (Böhlau-Verlag 2004) herausgegeben. Ein Teil des aufgebrachten Publikums (und der schreibenden Zunft) scheint demnach generell gegen die Neuerungen in der Musik gewesen zu sein und Schönberg war für sie die Spitze des Eisbergs, weil er der Radikalste von allen war. Seine Musiksprache drang in Dimensionen vor, die vor allem als dissonant und weit entfernt von dem an den großen Klassikern gewöhnten harmonischem Hörgenuss empfunden wurde. Debussy, Mahler, Reger, Strauss, d'Indy u. a. galten als Modernisten, die einen kompositorischen Weg gefunden hatten oder waren dabei einen solchen zu finden, der ihre musikalischen Empfindungen aus der traditionellen Sackgasse herausführte. Arnold Schönberg hatte auch diesen Weg bereits verlassen und sollte zukünftig in noch nie gehörte Dimensionen vorstoßen, wo tatsächlich "Luft von anderen Planeten" wehte. Dabei vergaß er jedoch nie die Musik.

Hörprobe  Auszug aus dem 4. Satz (LaSalle Quartett 1971, Sopran: Margaret Rice)