
Dimitri Schostakowitsch (1906 - 1976)
Schostakowitsch fand erst relativ spät zur Gattung Streichquartett. Sein erstes trägt die Opuszahl 49 und wurde 1938 komponiert und noch im selben Jahr, am 10. Oktober, in Leningrad uraufgeführt. Als er kurz vor seinem Tod mit Opus 144 sein letztes Streichquartett schuf, hatte er in diesem Genre 15 großartige Werke komponiert, die heute leider nicht alle zum Repertoire gehören, von denen aber einige zum Standard geworden sind.
Während das erste Quartett, in C-dur und viersätzig, sich im Rahmen einer gepflegten - und den sowjetischen Kulturvorgaben entsprechend, leicht verständlichen - Moderne bewegt, betritt der Komponist beinahe mit jedem weiteren Quartett eine höhere Stufe musikalischer Ausdrucksformen. Und je weiter wir ihm folgen, desto abgründiger, düsterer und experimentierfreudiger wird die Musik. Schostakowitschs Quartette hören, ist wie ein Gang durch einen finsteren Tunnel, in den nur manchmal ein heller Schein uns etwas wie Licht vortäuscht. Besonders die letzten drei Quartette haben es an wehmütiger Klagestimmung in sich, ohne uns jedoch damit belasten zu wollen. Ihm gelingt das Kunststück, uns auch noch im melancholischsten Adagio einen Augenblick ironischen Innehaltens zu suggerieren.
Über die Spannungen, die Schostakowitsch hauptsächlich bis zu Stalins Tod 1953, ertragen mußte, hat sein Biograf Krzysztof Meyer ausführlich Bericht gegeben*. Mal wurde der Komponist gelobt, mal verdammt - was damals so manchen seiner Kollegen in den Gulag gebracht hat. Mit dieser Belastung lebend, gelang es Schostakowitsch den Balanceakt zwischen dem, was gewünscht und dem, was er eigentlich wollte, musikalisch zu bewältigen.
Das 1. Quartett entstand nach eigener Darstellung "als eine Art Übung …[und man] sollte nicht nach besonderer Tiefgründigkeit suchen. Es ist fröhlich, heiter und lyrisch …'frühlingshaft'." Es entstand innerhalb weniger Tage und bedarf tatsächlich keiner anderen Anstrengung, als die des Zuhörens. Kurze Zeit vorher war seine fünfte Symphonie erfolgreich aufgeführt worden und der Komponist hatte weder größere Aufträge in Arbeit noch eigene umfangreiche Schöpfungen im Kopf.
Es dauerte sechs Jahre bis er sein zweites Quartett, Opus 68 in A-dur, im Jahr 1944 schuf. Unterdessen hatte er bereits acht Symphonien komponiert, von denen allerdings die vierte nicht aufgeführt werden durfte. Es ist ein viersätziges, rund 35minütiges Werk, das etwas weniger leicht, aber dennoch nicht schwer zu verstehen ist und besonders im dritten Satz mit der Bezeichnung Valse eine wunderschöne Stimmung erzeugt.
Auch das 3. Streichquartett, Opus 73, F-dur, das er 1946 schrieb, gehört in diese Reihe der relativ klaren Quartette, auch wenn er hier autobiographische und mit der Kriegszeit verbundene Empfindungen mit einfließen lässt. In einem Brief an Edisson Denissow aus dem Jahr 1950 nennt Schostakowitsch dieses Quartett eines seiner gelungensten Werke.
1948 kam es erneut zu einer Kampagne gegen Komponisten, denen man vorwarf nicht konforme Musik zu schaffen. Sie würden Atonalität, Dissonanz und Disharmonie in ihre Arbeiten einbeziehen und damit einen schädlichen Einfluß auf die sowjetische Musik ausüben. Besonders wurden Prokofjew und Schostakowitsch hervorgehoben. Ein damals gefährlicher Vorwurf lautete formalistische Musik zu komponieren, was für die Beschuldigten zu lebensbedrohlichen Konsequenzen führen konnte. Das Zentralkomitee der KPdSU, also das höchste Gremium der Sowjetunion, formulierte in einer Resolution vom 10. Februar 1948, dass "die formalistische Richtung in der sowjetischen Musik als antinationale und zur Vernichtung der Musik führende Tendenz zu erklären" sei.
Auf einer Konferenz des Moskauer Komponistenverbandes mußte Schostakowitsch eine für ihn vorbereitete Rede ablesen, in der er sich zu Fehlern bekannte und nun daran ging, im Sinne der geforderten Linie, schöpferisch tätig werden zu wollen. Ein weiterer Kongreß der sowjetischen Komponisten, der 1. Unionskongreß, fand vom 19. bis 25. April 1948 in Moskau statt. Auch hier hagelte es Angriffe und Vorwürfe von den linientreuen Parteikomponisten der Führung dieses Verbandes gegen die ins Visier genommenen Komponisten. Auch Schostakowitsch erhielt Gelegenheit sich zu den Anschuldigungen zu äußern und tat dies natürlich im Sinne der verlangten Richtlinien.
Auch danach kam es in der Presse zu Angriffen gegen den einst hoch gelobten und mit Stalinpreisen geehrten Komponisten, dem praktisch sein ganzes bisheriges Schaffen als unsowjetische Musik vorgeworfen wurde. Schmähschriften und Denunziationen häuften sich, Neider und Opportunisten meldeten sich zu Wort, angebliche Briefe von Arbeitern wurden in Zeitungen abgedruckt, natürlich mit negativem Tenor. Er wurde außerdem noch seiner Professuren an den Konservatorien in Leningrad und Moskau enthoben. Seine Werke erschienen auf keinem Spielplan mehr, Schostakowitsch fand im Konzertleben fast gar nicht mehr statt.
Die Werke, die er in dieser und der darauffolgenden Zeit schrieb, blieben in der Schublade, dazu gehörte vorerst auch das Streichquartett Nummer vier, Opus 83, A-dur. Es hat vier Sätze, von denen drei mit Allegretto und einer mit Andantino bezeichnet sind. Insgesamt eine verhaltene Musik in gedämpfter Tonlage, wohl der Stimmung des Komponisten geschuldet. Die Uraufführung dieses Quartetts fand erst 1953 statt.
Wenige Monate nach diesen wüsten Beschimpfungen lockerte sich allmählich die Aufführungssperre für seine Werke und er wurde sogar von Stalin persönlich aufgefordert an der Delegation einer Reise in die USA im Frühjahr 1949 teilzunehmen. Bei dem Telefongespräch mit Stalin, sagte dieser, dass weder Schostakowitschs Musik, "noch die anderer Komponisten verboten sei; falls es aber zu derartigen Situationen käme, so geschehe das ohne sein Wissen." (Meyer, S. 342)
In New York besuchte Schostakowitsch auch einen Kammermusikabend zu Ehren Bela Bartoks und hörte dort zum ersten Mal drei seiner Streichquartette, wobei er das Sechste als "hervorragendes Werk" bezeichnete, vom Vierten jedoch nichts hielt.
1952 entstand das 5. Werk dieser Gattung, Opus 92, B-dur. Es hat drei ineinander übergehende Sätze und dauert etwas über eine halbe Stunde. Einem von treibendem Rhythmus geprägten ersten Satz (Allegro non troppo), folgt ein elegisches Andante, in dem die Instrumente in extreme Lagen Höhen geführt werden. Die Violinen in ‚überirdische' Höhen, Viola und Cello in düstere Tiefen. Im dritten Satz erklingt kurz eine Walzermelodie, die von den elegischen und derb rhythmischen Motiven des ersten Satzes aufgebrochen wird und mit zartem Spiel ausklingt.
Im Jahr von Stalins Tod entstand sein 6. Streichquartett, Opus 101 in G-dur. Es ist viersätzig und benutzt volksliedhafte Elemente, an manchen Stellen klingen verspielt tänzerische Rhythmen auf. Ein recht kurzes Werk, das ungefähr zwölf Minuten dauert.
Quartett Nummer 7 und 8 folgen dicht aufeinander. Sie tragen die Opusnummern 108 und 110. Man sieht an den Nummern auch, dass Schostakowitsch seit dem sechsten Quartett von 1956 lediglich sechs Werke komponierte. Das hing auch damit zusammen, dass immer noch die Formalismus-Keule über seinem Haupt schwebte und dass es Anfang 1953 eine erneute Säuberungswelle gab, der viele jüdische Bürger zum Opfer fielen. Ein sogenanntes ‚Ärztekomplott' im Kreml war der Auslöser für eine große, über das ganze Land schwappende Antisemitismus-Kampagne. Schostakowitsch hatte sich bereits bei früheren Verhaftungen jüdischer Kollegen und Freunde für sie bei den Machthabern eingesetzt, meistens vergeblich. Diese Kampagne zog sich bis zum Tod Stalins am 5. März 1953 hin.
Die Quartette 7 und 8 bilden quasi eine Einheit und machen eins deutlich: Der elegische Tonfall wird bestimmend, die Satzbezeichnungen Largo, Lento und Adagio sind die ausdrucksstärksten in den nun folgenden Werken, bis hin zum letzten, das ein einziges Adagio in fünf Sätzen ist. Besonders das 7. Streichquartett in fis-Moll ist eine sehr in die Tiefe gehende dramatisch-melancholische Klage. Dem Andenken seiner ersten Frau Nina Veruschka gewidmet, ist es eine wehmütige in Tönen umgesetzte Erinnerung, in der auch der erschütternde Moment im dritten Satz, Allegretto, einem einzigem ektstatischem Aufschrei gleichkommt (Hörprobe). Vom ersten bis zum letzten Ton ein Meisterwerk.
Auch Streichquartett Nur 9 und 10 folgen dicht aufeinander, Opus 117 und 118. Die rhythmischen Teile des neunten Quartetts sind von hektischem Tempo und marschähnlichen Sequenzen mit burlesken ‚Ausrutschern' geprägt.
Das 10. ist seinem Freund Moissej Waijnberg gewidmet, der seinerzeit kurzzeitig auch zu den Verhafteten während der Antisemitismus-Kampagne gehörte, aber überlebte (Waijnberg lebte von 1919 bis 1996 und schuf übrigens selber 17 hervorragende Streichquartette; durch erhaltene Briefe wissen wir, dass es so etwas wie einen Quartett-Wettstreit zwischen beiden Komponisten gab. Leider sind seine Quartette fast gar nicht bekannt und werden selten gespielt). In der rhythmischen Struktur der schnellen Sätze behält Schostakowitsch das einmal gewählte Format bei, bringt aber natürlich jedesmal verblüffende Variationen hinein. Der zweite Satz - Allegretto furioso - im zehnten Quartett etwa, stellt höchste Anforderungen an die Musiker, das geforderte aggressive Spiel richtig anzugehen.
In Abständen von zwei Jahren komponiert er die Streichquartette Nummer 11 bis 13, 1966, 1968 und 1970. Während das Elfte sieben Sätze hat, die aneinander anschließen, begnügt sich der Meister beim Zwölften mit zwei Sätzen und belässt es bei Nummer 13 sogar nur bei einem Satz - einem Adagio von knapp über zwanzig Minuten. Es ist in b-Moll und von verhaltenem, introvertiertem Ausdruck, das einige Neuerungen bezüglich der Klangwirkung hat. So wird rhythmisch mit dem Bogenholz auf den Korpus geschlagen und ein äußerst feiner Bogenstrich der der übrigen Instrumente begleiten ein zerbrechliches Pizzicati der ersten Violine.
1973 entstand das 14. und 1974, ein Jahr vor seinem Tod, das 15. und letzte Streichquartett von Schostakowitsch.
Die Quartette Schostakowitschs gehören zur Moderne, sind aber im Gegensatz zu den vor allem im Westen geschaffenen Kompositionen, immer relativ leicht zugänglich geblieben. Immer gibt es einen klar heraus zu hörenden Rhythmus, genauso wie die Themen offenkundig sind. Von den extremen Experimenten eines Witold Lutoslavski (Streichquartett - 1964) etwa sind seine Werke meilenweit entfernt. Das bedeutet nun jedoch nicht, dass sie rückwärts gewandt sind, wenngleich dies ein ambivalenter Begriff ist. Viele Komponisten sind gleichfalls rückwärts gewandt, das heißt, dem alten zugänglich gewesen, um darin Entdeckungen für sich zu machen und daraus etwas neues zu schaffen. Auch Schostakowitsch hat sich mit Bach und alter russischer Kirchenmusik zum Beispiel beschäftigt. Ebenfalls waren die Quartette Beethovens und Tschaikowskis für ihn eine Art von ‚Nachschlagewerk'. Diese scheinbare Einfachheit ist aber trügerisch und klingt durchaus bei vielen Quartetten wie inszeniert, so, als ob er der Zensur im wahrsten Sinne des Wortes etwas ‚vorspielte'. Es gibt auffallend viele skurrile Stellen und schräge Melodien, als würde dem Komponisten ein trunkener Clown die Feder geführt haben. Unter den grausamen Bedingungen der Sowjetära, die erst in seinen zehn letzten Lebensjahren eine liberalere Kompositionspraxis zuließ, schuf Dimitri Schostakowitsch ein großartiges Streichquartettwerk, in dem er viele Facetten einer durch Krieg und Unterdrückung gequälten Seele zum Ausdruck brachte. Seine Quartette gehören, ohne Ausnahme, zu den Spitzenwerken in diesem Genre des 20. Jahrhundert.
*Krzystof Meyer, Schostakowitsch. 1995
Als Hörprobe den Beginn des dritten Satzes vom Streichquartett Nr. 7, op. 108 Allegretto. Aufnahme: Brodsky Quartet (1989)