Die Entwicklung des modernen Streichquartetts seit Beginn des 20. Jh.


Für viele Komponisten hat das Streichquartett in ihrem Schaffen eine zentrale Bedeutung. Wie Beethoven, dem Gottvater des innovativen und spirituellen Streichquartetts schlechthin, nutzten und nutzen sie diese Gattung vorwiegend um Neues auszuprobieren. Seit Beethovens mittleren Quartetten gilt diese Gattung als Medium meditativer Gestaltung musikalischer Ideen.

Das Verkünden des Endes der Gattung Anfang des 20. Jh. durch Strawinskij und seinen "Trois pieces", drei Miniaturen für Streichquartett von 1914, erwies sich als voreilig. Am Ende des Jahrhunderts steht die Gattung Streichquartett in voller Blüte. Neugründungen von Quartettgruppen erweisen sich als profitable Unterfangen, erstaunlicherweise auch mit der angeblich so komplizierten und hörschwierigen zeitgenössischen Musik. Manche Quartette werden wie Popgruppen vermarktet (Kronos-, Balanescu-, Arditti-Quartett) und teilweise nehmen diese Quartette bearbeitete Stücke der Pop-Musik in ihr Programm auf - Kronos z. B. hat Stücke von Jimi Hendrix, Balanescu eine CD mit Musik von Kraftwerk veröffentlicht. Im September 2005 ist eine CD des Kronos-Quartett mit der indischen Gesangslegende Asha Bose erschienen. Hier folgt Kronos dem gegenwärtigen Trend für Bollywood-Filme bzw. deren Musik und stellt erneut seine innovative Vielseitigkeit - und Geschäftstüchtigkeit - unter Beweis. Immer noch herausragend und bis jetzt ohne Nachahmer geblieben ist ihre Einspielung mit Stücken afrikanischer Komponisten, die 1992 unter dem Titel "Pieces of Africa" erschien. Auch das 1999 veröffentlichte Album "Caravan" bringt in gewohnter Qualität Werke lateinamerikanischer und vorderasiatischer Künstler. Mit diesem von Puristen eher naserümpfend begleitetem Verhalten ist es ihnen gelungen, auch ein junges und mit Streichquartettmusik eher unvertrautes Publikum neugierig auf diese Musik zu machen, denn bei ihren vielbesuchten Konzerten bekommt das Publikum auch die Musik der Avantgarde zu hören.

Ein annehmbares und innovatives Werk brachte das Wiener Radio String Quartet 2007 heraus: "Celebrating Mahavishnu Orchestra" nannten die vier Musiker ihre CD. Es gelang ihnen nicht nur den vertrackten Rhythmen, die zu Beginn der 70iger Jahre John McLaughlin für das Mahavishnu Orchester komponierte, den nötigen Drive zu geben, sie zeigen auch, dass ihnen Improvisationen geläufig sind. Ein mutiges und originelles Experiment, das auch den Segen des dem Projekt erst skeptisch gegenüberstehenden Gitarrenmeisters fand.

Vielfach vergeben die profilierten Quartette, die sich erfreulicherweise oft der zeitgenössischen Musik widmen, Auftragsarbeiten an Komponisten. Dies tun auch Plattenlabels wie JPC, Chandos und neuerdings auch das, keineswegs abwertend gemeinte, Billiglabel NAXOS, das den englischen Komponisten Peter Maxwell Davies (geb. 1934) mit zehn Quartetten beauftragt hat. Die ersten acht liegen bereits in einer vom Schöpfer selbst begleiteten hervorragenden Einspielung des Maggini-Quartetts vor und zeigen den Komponisten auf der Höhe seines Schaffens (erschienen 2004, 2005, 2006 und 2007).

Das dänische Label dacapo hat u. a. das gesamte Streichquartettschaffen des Dänen Vagn Holmboes (1909 - 1996) durch das renommierte Kontra Quartett in Auftrag gegeben, immerhin ein 20 Stücke umfassendes Werk, das Holmboe im Laufe von rund 40 Jahren schuf. Auf sieben CDs liegt diese Arbeit vor, die der Komponist bis zu seinem Tod begleitete und ihnen damit den Stempel der Authentizität verliehen hat.

Das mexikanische Quartett "Quarteto Latinoamericana" spielte Heitor Villa-Lobos' (1887 - 1959) 17 Streichquartette in einer fulminanten Aufnahme ein. Eingängige und rhythmische wie lyrische Werke, die leider in unseren Konzerthäusern zu selten aufgeführt werden.

Ebenso sind sämtliche 18 Streichquartette von Darius Milhaud (1892 - 1974) vom "quatuor parisii" eingespielt worden. Ein absolut lohnendes Unterfangen, sich diesen mitunter kurzen und expressiven Werken zu widmen. Milhaud's Kompositionen bewegen sich zwischen lyrischer Intimität und experimentierfreudiger Originalität. Die Quartette 14 und 15 von 1948/49 lassen sich einzeln aber auch zusammen spielen, ein wagemutiges und im Ergebnis klangreiches Experiment. Weitere namhafte Komponisten lassen sich nennen: Dimitri Schostakowitsch (15), Robert Simpson (15), Nikolai Myaskovsky (13), Mieczyslaw Vainberg (17), Vissarion Shebalin (8), Wolfgang Rihm (9), Daniel Jones (8), Peter Sculthorpe (13), Krzysztof Meyer (8)…

Ich habe diese Beispiele aufgeführt, um zu zeigen, daß Komponisten des 20. Jh., wie allein an der Anzahl der Quartette zu sehen ist, dieser Gattung große Aufmerksamkeit gewidmet haben, was nicht heißen soll, daß die Komponisten, die weniger oder nur ein Quartett schufen, dieser Gattung weniger emphatisch gegenüber eingestellt waren. Das einzige Streichquartett von Maurice Ravel (entstanden 1902/03, uraufgeführt am 5.März 1904 in Paris vom Heymann-Quartett) ist ein Beispiel hierfür. Es ist ein Werk, welches Phantasie und Ideenreichtum mit Originalität verknüpft, das gilt natürlich ebenso für viele seiner anderen musikalischen Schöpfungen.

Lesetipp: Die "Neue Zeitschrift Für Musik" widmete ihre März/April-Ausgabe 2006 ausschließlich dem Thema Streichquartett.
Wer es umfangreicher haben will, dem sei das dreibändige Werk von Friedhelm Krummacher, Geschichte des Streichquartetts (Laaber Verlag, 2005) empfohlen.
Auch Wikipedia hat einen informativen  Beitrag  mit weiterführenden Links zu Streichquartett-Ensembles.



Entwicklung des Streichquartetts - ein kurzer Überblick

Das Streichquartett als kammermusikalische Gattung entstand ungefähr im 2. Drittel des 18. Jahrhunderts und als seine Väter werden allgemein Joseph Haydn in Wien und Luigi Boccherini in Mailand genannt. Beide komponierten eine große Anzahl von Quartetten, Haydn 83, Boccherini 91, jedoch war es Haydn, dem eine formale und technische Weiterentwicklung gelang, so daß sich die Gattung durchzusetzen begann.
Mozart folgte größtenteils dem Wiener Meister, schuf aber mit den sechs sogenannten "Haydn-Quartetten", Nr. 14 - 19, von insgesamt 23, eine adäquate und von großer innerer Tiefe durchdrungene Antwort auf Haydns als klassisch eingestuften 6 Quartette, op. 33. Beethoven legte dann mit seinen 15 Streichquartetten die klassischen Grundlagen für diese Gattung. An seinen außergewöhnlichen und schlichtweg genial zu bezeichnenden Werken läßt sich eine musikalische Entwicklung feststellen, die weit über seine Zeit hinaus reicht. Seine Musik beeindruckt und fasziniert auch heute noch. Sein Zeitgenosse Goethe prägte nach dem Hören eines Beethoven Quartetts die oft benutzte Formulierung: "man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten." Ich möchte hinzufügen: Mitunter nimmt man auch an ihren Träumen und Visionen teil.

Seit Beethoven werden dem Streichquartett oft außermusikalische Begriffe seiner Deutung beigefügt, von seelenbewegt ist z. B. die Rede, von Intimität und Spiritualität. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch galten die Quartette des Meisters (und die von Johannes Brahms) als das Non plus ultra und jeder Komponist mußte sich (oder wollte sich) an ihnen messen lassen. Brahms vernichtete viele Entwürfe bevor er sein erstes Streichquartett an die Öffentlichkeit brachte, so sehr fürchtete er, vor dem Meister zu versagen.
Die Beliebtheit und der hohe Rang des Streichquartetts brachten als Folge auch die Entstehung neuer Gruppen mit sich, die mit immer technisch und musikalisch anspruchsvoller werdenden Werken auf Tournee gingen. Gleichzeitig entstanden Kompositionswettbewerbe und private Mäzene vergaben Aufträge.

In ganz Europa schufen Komponisten während des 19. Jh. hervorragende Beiträge zu dieser Gattung. Schubert, Schumann, Spohr, Dittersdorf, Pleyel, Mendelssohn, Cherubini, Borodin, Glasunow, Tschaikowski, Dvorak, Smetana, Berwald, Gades, Canales, de Arriaga, Gounod, Onslow, Franck, D'Albert, D'Indy, Chausson, Debussy - die Liste ließe sich beliebig weiterführen; jeder der genannten hat das Genre der Streichquartettmusik bereichert und seinen Wert innerhalb der musikalischen Welt gesteigert.

Der Letztgenannte in meiner oberflächlichen Aufzählung, Claude Debussy, hat, wie Ravel, nur ein Streichquartett (in g-Moll, op. 10, Uraufführung am 29.12.1893 vom Ysae-Quartett in Paris) geschrieben - beide Quartette wurden bei der Uraufführung vom Publikum abgelehnt. Längst gehören sie inzwischen zum Repertoire und stehen weltweit als Meisterwerke auf den Programmen der Kammermusik-Konzerte. Dies läßt sich nun auch für einen Teil der Streichquartette, die in der ersten Hälfte des 20. Jh. entstanden, behaupten.

Ende des 19. Anfang des 20. Jh. war eine Generation von jungen Komponisten herangewachsen, die die Last der Genialität der Klassiker von ihren Schultern abzuschütteln versuchte, indem sie neue Wege gingen und einerseits die beinahe sklavisch vorgeschriebene Form der Viersätzigkeit - die zwar Beethoven mit den Spätwerken op. 130,131,132 aufgelöst hatte, ebenso Mendelssohn mit zwei Quartetten, op. 12 u. 13, was sich aber in der Folgezeit nicht durchsetzen konnte, paradoxerweise auch durch den Erfolg von Mendelssohns in Zukunft als klassische viersätzige Norm geltendes op. 44 - durchbrachen und andererseits den Bereich der Harmonie bis über ihre Grenzen hinaus erweiterten. Es hat auch vorher gelegentlich Experimente, was die Form oder die thematische Entwicklung betrifft, gegeben, nun aber ließen sich die Komponisten in ihrer Experimentierfreudigkeit nicht mehr aufhalten. Der Weg von der Tonalität in die Atonalität war die Folge, die Dämme waren gebrochen. Das galt übrigens für alle musikalischen Gattungen, Gustav Mahler und Richard Strauß seien hier stellvertretend für die Bereiche Symphonie und Oper genannt. Unabhängig von der jeweiligen Stilhaltung des Komponisten blieb auch bei der sich nun entwickelnden Neuen Musik die Gattung Streichquartett, neben der Symphonie, ein wichtiger Bereich.

An dieser Stelle stelle ich in ungefährer Chronologie Streichquartettwerke vor, von denen ich der Meinung bin, daß sie erwähnenswert sind für die Entwicklung der Kammermusik im 20. Jh. Die Beschreibung der Quartette ist rein aus dem Hörerlebnis heraus entstanden und nicht aus einem eingehenden Studium der Partitur.